Tag 49: »Ich hab‘ mir ein gemütliches Bett geschaffen«

Und wenn ich jetzt ein Flüchtling bin? Ich habe beschlossen, das auszuprobieren. Hier in diesem Kunstwerk voller Röhren.

Auf ihrer Flucht haben die Leute in Röhren geschlafen, es war der beste Schutz. Ich fühle mich auch geschützt. Obwohl wir hier mitten auf einem Platz sind. Und alles offen ist. Die Menschen vorbeigehen. Mich anschauen. Aber eben nur solange, wie ich vorne rausschaue. Wenn ich nach innen krieche, verschwinde ich. Ich bin froh, dass hier auszuprobieren. Jetzt werde ich hier schlafen.

Zwei Monate später stehe ich wieder hier, betrachte meine Röhre, denke daran, wie es war, hier zu sein. Jetzt bin ich Teil eines Kunstwerkes. Und tatsächlich: »Ich hab‘ mir ein gemütliches Bett geschaffen.«

Tag 48: »Och, das macht Dich krank oder?« 

Ich habe eine ganz besondere Erfindung gemacht. Mein Gerät pulverisiert Smartphones in einem Radius von 350 Metern. In Gebäuden ist es etwas weniger, um die 200 Meter. Es zerstört aber nur die Telefone, die den Abstand zu Menschen und Objekten von 40 Zentimetern unterschreiten. Wir reden hier echt von 40 Zentimetern!

Ich erlebe Handybesitzer, die bei einer Performance in der Neuen Galerie ihr Gerät im Abstand von 20 Zentimeter vor die Künstlerin halten. In der Henschelhalle sitze ich in der zweiten Reihe und verfolge 90 % des Geschehens über drei Bildschirme, die zwischen mich und der Kunst gehalten werden. Von Besitzern jeder Altersklasse. Während der Aufnahmen werden die Belichtungen korrigiert, ran- und weggezoomt, WhatApps zur Seite gewischt. Jedes Smartphone macht dabei »Klick« oder »Kalong«, wenn die Videoaufnahme beendet wird. Links von mir kommt eine Digitalkamera mit Serienbildfunktion zu Einsatz, der Fotograf schießt immer (immer!) drei oder vier Bilder, läßt dann die Kamera wieder auf seine Knie sinken. Als wäre überhaupt nichts geschehen. Um eine Minute später das nächste Dauerfeuer zu eröffnen. Es stört niemanden mehr. Es gibt keine Hinweise mehr, es nicht zu tun. Das Abendland ist untergegangen und nicht einmal die FAZ hat es gemerkt.  Ich liebe mein Smartphone, ich mache viele Bilder. Ich überlege mir nur, wann ich das tue. Ich bin allein mit dieser Entscheidung, alle anderen schießen um sich.

Meine Erfindung kommt jetzt bei jeder documenta-Veranstaltung zum Einsatz. Betrachten Sie das als Warnung. Und lesen Sie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen auf Ihrer Eintrittskarte. Da wird auf die Pulverisierung bereits hingewiesen und jede Haftung ausgeschlossen. Sie bekommen aber eine recycelbare Tüte zum Aufsammeln der Überreste gratis bei jeder Aufsicht.

Ich erwache aus meinem Tagtraum. Meine Freundin hält mir ihr Smartphone vors Gesicht: »Och, das macht Dich krank oder?«

Tag 47: »Weißt du, es ist ja wie in der Realität, wenn du ein Buch liest«

Ich lese einfach. Ich bin dann in meiner Realität. Schön ist es, wenn ich das Buch abhole, so richtig altmodisch in der Buchhandlung. Nicht schön, wenn  es in Plastikfolie eingeschweißt ist. Deshalb wundere ich mich sehr, dass die Bücher hier so eingeschweißt hängen. Da kann man ja gar nicht lesen, das ist ja so wie in der Zensur damals.

Ich denke mir Bücher für mich selbst aus. Die ich dann durchlese. Ich brauche das gar nicht aufzuschreiben, ist alles in meinem Kopf. So richtig Kapitel für Kapitel abgespeichert. Ich lese jeden Tag drin, manchmal schlage ich meinen Kopf bei einer Seite auf, lese mich fest, erschrecke über die Zeit, die vergeht, schlage wieder zu.

Ich werde mein Gehirn der Nachwelt sponsern, so als neuronales Workbook für Schreibwerkstätten. Vielleicht wollen die mal analysieren, wo Figuren und Handlung so her kommen. Dann ist auch für was gut.

So ist das bei mir: »Weißt du, es ist ja wie in der Realität, wenn du ein Buch liest.«

Tag 46: »Von Michael Althen lernen«

Ein schöner Tag auf der documenta 20. Gerade habe ich mich mit dem künstlerischen Globally Recognized Avatar unterhalten. Wir sind zusammen durch die Ausstellung  gelaufen, haben die Kunstwerke betrachtet, haben selbst etwas dazu gestellt. Jeder ist ein Künstler. Alles mit Neuroübertragung geteilt, schon sind zwei Millionen andere bei uns und machen Kunst. Im hyperraumkassel, das ist so schön altmodisch, kommen wir an einem einzigen Ort zusammen und zeigen uns die kleine Welt. Wir bleiben zuhause, bezahlen ein paar Bitcoins, docken uns an, fliegen über das Nordhessische Bergland googleappleamazonmap-gleich tief in die Erde und lassen uns durch den vertikalen Erdkilometer nach oben beamen. Wir bekommen riesige Rucksäcke umgeschnallt, die wir mit ins Fridericianum nehmen dürfen – alles fällt von der Wand, wenn wir uns umdrehen und alles schwebt wieder an seinen Platz. Wer will, kriegt Bonuspunkte in sein Backpack.

Die regionale Zeitung HNA, die Hollistische Neurolinguistische Allgemeine, hat die Köpfe der Woche in die Ausstellung gestellt, wir gehen mit ihnen spazieren. Alle sind sie da: Catherine David parliert über die Socken, Jan Hoet hat wie immer einen Tobsuchtsanfall, Okwui Enwezor immer noch die meisten Schuhe und Anzüge, CCB besteigt mit uns den Turm der Elisabethkirche und wir tragen gemeinsam den Balkenhol-Mann zum Friedrichsplatz, mit Rudi Fuchs gehen wir ins documenta-Dachkino und schauen Gilbert & George, Buergel und Noack leihen uns Stiefel und wir matschen zusammen in der Karlsaue,  Harald Szeemann schrumpft uns und wir dürfen ins Maus-Museum, bei Joseph Beuys probieren wir den Honig und dann sind wir der Honig und sausen durch die Schläuche, mit Arnold Bode laufen wir durch die kaputte Orangerie und bauen sie Stein für Stein wieder zusammen.

Im Archiv-Gang Nummer 14 im documenta-Institut am Rosenhang lese ich den wunderbaren Spruch »In der documenta schlafen, heißt der Kunst vertrauen«. War der nicht von diesem Filmkritiker Michael Athen, der zu früh gestorben ist? Und war das Motto damals nicht: »Von Michael Althen lernen«

Tag 45: »Der Soldat stirbt nicht, er ist unsterblich«

Es ist die letzte Runde. Die Besucher verlassen das Gebäude. Immer treffe ich Menschen, die noch vor einer Arbeit stehen. Versunken sind. Gar nicht realisieren, dass es zu Ende geht. Es ist fast so, als würde ich sie aufwecken. Dann erschrecken sie. Sie waren in einem Traum. Ich bin der Aufwecker, der Rausreißer, der Realitätszurückbringer. Ich bin es gern. Nichts entgeht mir. Jeder Fleck an der Wand wird übermalt, damit alles wieder strahlend weiß ist. Jedes Absperrseil wird zurecht gerückt. So gut wie nie finde ich Müll. Keiner schmeißt was weg. Verliert manchmal etwas. Einen Notizzettel mit dem Namen von Künstlern. Ein Ausstellungsplan mit Anmerkungen wie »Ja!« oder »?« oder »noch tiefer ergründen«. Vorbei. Plan verloren. Tieferen Grund verpasst. Ich stecke dann den Plan ein und nehme mir vor, es am nächsten Tag für den Besucher zu tun: tief zu ergründen. Das darf nicht ungetan bleiben. Dann fehlt etwas. Es darf nichts fehlen. Die documenta ist immer vollständig. Bis zum siebzehnten September. Dafür bürge ich.

Von uns gibt es viele. Wie ein kleine Armee durchstreifen wir die heiligen Hallen am Abend um 20 Uhr 13. Ich schalte, wie immer an diesem Abend, den Beamer im ersten Stock aus. Die letzten Worte auf der Leinwand sind »Der Soldat stirbt nicht, er ist unsterblich«.

Tag 44: »1008 Einwohner, da kann ich dir auch noch was beibringen«

(Mutter und Tochter laufen durchs Fridericianum. Man wird als Betrachter den Eindruck nicht los, dass die Mutter Kunstwerk für Kunstwerk abhaken will. Die Tochter schaut interessiert, wahrscheinlich kennt sie das seit Jahren und tut ihrer Mutter den Gefallen. Die Mutter hat einen Stapel Zettel mit handschriftlichen Notizen, auf die sie immer wieder schaut)

(Mutter sagt:) »Hier siehst du eine Arbeit von Emily Jacir. Sie thematisiert mit dem Flüchtlingszelt die bedrückende Lage des Übergangs.«
(Tochter denkt:) »Das Zelten mit Anne-Sophie war so toll, die ganze Nacht haben wir geredet.«

»Der Abacus von George Lappas, das kennst du noch oder?«
»Ob Finn das nächste Mal beim Zelten mitkommt? Das wäre toll. Er ist so gut in Mathe.«

»Andreas Lolis Skulpturen sind aus Marmor, das sieht man gar nicht auf den ersten Blick.«
»Und ich habe nackt auf dem Marmor beim letzten Urlaub gelegen, so stark war mein Sonnenbrand.«

»Kendell Geers, hier liegen riesige Stacheldraht-Rollen in Regalen, die jederzeit zum Einsatz kommen können.«
»Die du am liebsten um mein Zimmer wickeln würdest, damit ich drin bleibe und nix böses tue. Bei dir bleibe.«

»Ein Panzer aus Schaumstoff von Andreas Angelidakis, Polemos ist der Titel.«
»Wie dein Panzer um dich herum. Wann sagst du mir endlich mal, wie du dich wirklich fühlst nach der Trennung von Papa und lügst mich nicht an?«

(Die Mutter steigert das Tempo, je weniger die Tochter etwas sagt. Verzweiflung im Blick)

(Mutter sagt:) »Der Webstuhl von Janine Antoni, mit REM-Dekodierer, die gewebte Decke reicht bis zum Bett.«
(Tochter denkt:) »Ich bin so müde, darf man sich da reinlegen? Einfach wie früher, als Papa noch da war. Einfach hinlegen.«

»George Hadjimachalis hat auf diesem Tisch die Begegnung von Ödipus mit seinem Vater thematisiert.«
»Wenn wir uns jemals an einer Kreuzung treffen, thematisiere ich das mit Schlauchbooten im Atlantik. Mit zwei roten Ampeln mitten im Meer.«

»Gary Hill in einer Performance«
»Rennt der Typ tatsächlich immer wieder gegen die Wand? Tatsächlich. Cool. Genau wie bei uns.«

»Bill Violas Welle erfasst die Protagonisten, sie werden komplett nass, wie auf einem Flüchtlingsboot.«
»Wohin würdest du flüchten, wenn du könntest? Vor was hast du Angst? Einer neuen Beziehung? Mach‘ es, mach‘ es einfach. Tu mir den Gefallen.«

(Mutter sagt:) »1006 Einwohner hat die Insel Nisyros, auf der Panos Kokkinias die Menschen mit ihren Fotoapparaten und Handys portraitiert hat.«
(Tochter hat, wie auf dem Foto des Künstlers, ihr Handy in der Hand und sagt zum ersten Mal etwas:) »1008 Einwohner, da kann ich dir auch noch was beibringen«

Tag 43: »Das ist jetzt die Alternative zum Starnberger Häuschen: ein Flüchtlingszelt«

Als Immobilienmakler muss man mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit. Das ist mein Motto. Wir haben ja einen Boom, aber die Leute wollen auch immer mehr die ausgefallenen Locations. Die Ansprüche! Ich sage es ihnen. Wenn es teuer wird, wollen wir auch mitreden. Sagen meine Kunden. Und reden und reden. Als Psychotherapeut würde ich mehr verdienen.

Der Wind dreht gerade. Wir haben Ferienwohnungen in der Türkei verkauft. Massenweise. Die Leute waren verrückt drauf. Fahren die da jetzt noch hin? Und melden sich vorher in der deutschen Botschaft an? Polen? Ungarn? England? Alles durch, die Angst siegt. In Italien brennt es, in Portugal auch. Auf Malle nur noch Zäune. Auf Sylt kriegen sie nichts mehr, seid Jahren nicht mehr. Usedom ist genauso schlecht. Kassel boomt. Kassel! Du kriegst die Motten.

Die meisten Flüchtlingsunterkünfte stehen leer. Da geht was. Aber wollen wir das wirklich? Mein Freund aus Jugendtagen sagt: »Das ist jetzt die Alternative zum Starnberger Häuschen: ein Flüchtlingszelt.«

Tag 42: »Ich komme heute von der Hauptpost und helfe aus«

Die documenta ist ein kreatives Feld. Auch für uns an der Garderobe. In der Tradition der Künstlerin Sophie Calle, die schon als Zimmermädchen die Koffer der Gäste durchsucht hat, kümmern wir uns um die Inhalte der Rucksäcke. Wir tauschen täglich einige Dinge aus den Rucksäcken aus. Eine Haarbürste gegen einen Kamm. Eine Girocard gegen eine Kreditkarte. € gegen $, am besten die Münzen. Ein Lippenstift gegen einen Labello. Autoschlüssel! Lesebrillen! Ein deutsches Daybook gegen ein englisches. Warum nicht mal mit einem Hunderter bezahlen, der vorher ein Zehner war? Fast einen ganzen Tag haben wir gebraucht, um diesen Hunderter zu finden. Wir legen auch manchmal etwas dazu aus unseren Sammlungen: was Menschen verlieren (lost) und andere in ihrem Rucksack finden (found). Deshalb auch das Schild. Regenschirme haben wir sehr viele, die müssen einfach wieder in die Rucksackkreislaufwirtschaft. Ist doch auch schön, wenn es regnet und Sie zaubern den Schirm aus dem Hut. Ihre Freunde werden staunen. 

Gut, dass mit dem Chihuahua hätte wir uns schenken könne. Die kläffen einfach zu laut. Ist aufgeflogen und auch noch ausgerechnet in der Tüte von Bazon Brock. Der ja alles immer als Zeichen nimmt. Und leider auch noch erklärt. Wir tun das nicht. Wir produzieren auch kein  Chaos. Wir tun das, damit die Leute wieder miteinander reden. Suchen. Finden. Tauschen: »Ich hatte doch noch … Ah, das ist es …. Nein, das sah doch ganz anders aus … Egal.«

Ach, noch was: wir geben auch nix zurück. Teil des Kunstprojekts. Wir sind Avantgarde. Nicht diese Agentur, die den Choristen das marktwirtschaftliche Denken beibringen will. Nein, die richtige Avantgarde. Wir sind für das bedingungslose Grundvertauschen. Deshalb komme ich heute von der Peripherie aus der Nordstadt (das lost-and-found-Projekt ist natürlich von dort) und stoße vor zum Friedrichsplatz. Darf man überhaupt sagen, was die Neue Neue Galerie eigentlich ist? Ich tue es mal: »Ich komme heute von der Hauptpost und helfe aus.«

Tag 41: »Some of the artists are contemporary and some of them are dead since a hundred years« 

Hi there, this is Brad Pitt speaking. Oh, excuse me, I’ll switch to the German Translation Software: Hallo, hier spricht Brad Pritt! Habe gehört, dass ihr auf mich in Kassel wartet! Ihr Süßen, so wie vor fünf Jahren geht das leider nicht mehr! Zuviel Rummel, ich konnte ja kaum die Kunst sehen! Außerdem haben mir drei Leute gesagt, ich sollte mich rasieren! Drei!

Ich habe mir diesmal was Neues überlegt! Tja, jetzt keinen langen Gesichter, aber, Folks, ich war schon da! Ich habe mir die Klamotten von Marta Minujín geliehen! Die hat sogar den selben Sonnenbrillengeschmack wie ich! Ich dann rauf auf die documenta 14! In-cog-ni-to, ja, ich kann auch Fremdsprachen! Ist aber leider schief gelaufen, weil: Marta kennt hier auch schon jeder! Alle wollten mit mir sprechen! Auf Spanisch! Na gut, ein bißchen kann ich es ja, am Set ist es immer so langweilig und die Caterer sind ja immer Spanier! Aber das schlimmste war der Büstenhalter! Ein Hoch auf die Frauen (außer auf die eine, ihr wisst schon), dass ihr das so tragen und ertragen könnt (Wortspiel, Folks!) Jeden Tag! Ich war nach einer Stunde völlig k.o.! Alles wieder ausgezogen! Was nun?

Von der Größe her hätte ja auch der Adam Schimschick gepasst! Aber die Frisur kriege ich nicht hin! Den Gesichtsausdruck auch nicht! Russisch kann ich auch nicht, der kommt doch aus Russland? Hab‘ mir dann eine Prozac-Jacke geliehen! Darf sie auch noch behalten! Danke, Mann! Ach nein, ich es sehe es gerade, es heißt Protex! Für die Textilien, cool! Mit der Jacke wirst du unsichtbar, alle gucken weg, wenn du kommst!

War natürlich auch bei Ellis und Gisela, wo sonst sollte man essen? Ellis hat dicht gehalten, was für Typ! Gruß, Mann! Die 14 finde ich cool! Wegen der toten Künstler! Und der lebenden! Ich schalt mal wieder Originalmodus: »Some of the artists are contemporary and some of them are dead since a hundred years«

Tag 40: »Es gibt nie eine Erklärung dazu«

Ich habe mich entschlossen, die Erklärungszettel bei der documenta 14 komplett einzusammeln.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass immer wieder Zettel fehlen? Das bin ich aber nicht! Ich mache das viel einfühlsamer. Ich tausche die Zettel aus – mit meinen Erläuterungen der Kunstwerke. Bisher ist das nicht aufgefallen. Das soll es auch nicht, es ist ein diskursiver Prozess. Ich stelle mich manchmal dazu und höre hin, wenn die Besucher meine Erklärungen diskutieren.

Ich bin meine Performance, die documenta spricht mir aus dem Herzen: »Dieses performative Zusammenkommen etabliert keine Hierarchien zwischen sich radikal unterscheidendem Wissen, Sprachen und Praktiken, zwischen Aktivismus und Performance, zwischen Theorie und Poesie, zwischen Kunst und Politik: Kollektiv versuchen wir uns an der Herstellung eines öffentlichen Raums der Sichtbarkeit und der Artikulation.« Das mache ich! Immer zwischen!

Ich handele strikt nach dem Prinzip von Herrn Szymczyk. Ich werde Teil des »denkenden Organismus« dieser documenta. Ich setze mich »dem Unverständlichen aus«. Ich denke selbst. Das haben alle Choristen von mir in den Walks immer wieder verlangt. Ich habe meine eigenen Gedanken aufgeschrieben, in das documenta-Layout gebracht und aufgehängt.

Die Frau neben mir sucht einen Erklärungszettel, ich weiß, wo er ist, sie weiß es nicht: »Es gibt nie eine Erklärung dazu«

Tag 39: »Weisst du, was das ist? Nein, das ist Null (0)«

Wir wollten Gutes tun. Wir haben den Prometheus entfesselt.

Wir wollten Orientierung geben. Wir haben mit neuen Straßennamen verstört.

Wir wollten alles richtig machen. Wir haben den Geist aus der Flasche gelassen.

Wir wollten Neville Brody sein. Wir sind Mevis & van Deursen.

Wir wollten Geschichte schreiben. Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet.

Wir wollten Kassel ordnen. Wir haben von Athen nichts gelernt.

Wir wollten der Welt einen documenta-Plan geben. Wir haben ein Monstrum erschaffen.


Im Vorbeigehen höre ich das, was ich immer höre: »Weisst du, was das ist? Nein, das ist Null (0)«

(Danke an Tina für die Fotos)

Tag 38: »Ein zu weitgehender Ehrgeiz«

Werner und Arnold gucken von hier oben postmortem zu und sagen: Vieles gefällt uns gar nicht, einiges schon und wir würden gerne mal wieder lachen. So wie bei den Erdbeeren und den Hunden vor fünf Jahren. Das Staubsaugervideo im Bellevue ist prima.

Wirklich herzallerliebst sind die Studenten da in der Kunsthochschule. Nein, nicht wegen der vielen Bilder von mir und dem einen von Werner. Sondern: weil sie sich so mit unser ersten Ausstellung beschäftigen. Was für ein Theater hatten wir damals. Auch sehr, sehr schön sind die Fotos von Hans Haacke im Fridericianum. Der Junge mit dem Micky-Maus-Heft! Den haben wir gestern wieder gesehen, am Parthenon! Wieder mit leuchtenden Augen, wieder beim Micky-Maus-Heft. Kaum gealtert seit 1959.

»Wir meinen aber, man könnte etwas Neues versuchen.« Gruß an Bernd Leifeld, der hatte den Spruch immer in seinem Büro. Plus das Bild von Gerhard, was Ihr in der Neuen Galerie noch mal angucken könnt. Wie schrieb doch der Gutachter Kurt Martin (gerade heute morgen habe ich ihn getroffen und er bereut seine Aussagen langsam) über die internationale Ausstellung der Kunst des 20. Jahrhunderts als Aufgabe für Kassel: »Ein zu weitgehender Ehrgeiz.«

Tag 37: »Nachdem ich den Tag erlebt habe, kann mich nix mehr schocken« 

Ich erwache im Traum. Dann erwache ich aus dem Traum. Ich schlafe wieder ein, erwache erneut. Bin ich noch im Traum? Ich bin wieder wach! Was sich als Fehler herausstellt, der nicht wieder gut zu machen ist. Denn ich habe die Spätnachmittagschicht im Naturkundemuseum erwischt. Ich kann kaum stehen, setze mich hin, schlafe wieder ein. Minütlich erwache ich aus dem Delfinschlaf. Ich zwinge mich, luzid zu träumen. Ich kaufe bei eBay für 29,99 das documenta14-Autogramm von Dale Harding. Warum hat er in schwarz und nicht in blau unterschrieben? In meinem Traum korrigiere ich den Fehler. Im anschließenden Alptraum sagt der Kollege neben mir: »Nachdem ich den Tag erlebt habe, kann mich nix mehr schocken.«

Tag 36: »Wir kaufen Dein Leben komplett oder in Teilen« 

Natürlich habe ich schon Angebote erhalten. Reihenweise. Wir stellen schließlich jeden Tag das Schild auf. Nur der hier meint es anscheinend ernst. Fragt mich, ob ich seinen Finger kaufen will. Den linken Mittelfinger. Darauf legt er dann schon wert. Und was er dafür bekommt. Ich sage ihm, dass er einen Brief an die documenta-Leitung schreiben soll. Am liebsten würde ich ihm noch sagen, dass er seinen Finger gleich dabei legen soll. Traue ich mich dann doch nicht. Außerdem hat er nicht kapiert, dass wir keine Körperteile sondern Lebensteile ankaufen.

Eine Frau will ihre Depression verkaufen. Da sie aber gerade überwunden ist, sind wir nicht interessiert. Ein Student will sein ewiges Alleinsein anbieten. Da sind wir interessiert, haben wir doch schon genug mit Gruppen zu tun und wünschen uns eine Auszeit. Ein älterer Herr hätte da sein unglückliches Verliebtsein im Angebot. Für 10 Mark. Lange her, war vor dem Euro. Ist uns trotzdem zu teuer, wir wollen das schließlich weiter verkaufen, da gibt es zu viel Ramsch. Aus der letzten Woche: Gefängnisaufenthalt zwei Jahre ohne Bewährung, Durchfall eine Woche, Calden-Flug mit zwei Tagen ohne Koffer, drei Stunden documenta-Pressekonferenz (von insgesamt 238 Journalisten angeboten), acht Stunden Nachtwache an der Ölmühle vor der Orangerie, sechzehn Minuten Warten auf einen Aperol Spritz im Bellevue-Biergarten, dreißig Minuten Warten vor der Henschelhalle, einundvierzig Jahre Warten auf die Pension. 

Wieso kriegen wir nur die Bad Things angeboten? Ich verrate Ihnen hier jetzt mal ein Geheimnis. Ich habe das Go, sämtliche positiven Lebensteile anzukaufen! Mit bis zu 1.000 Euro ohne Rückfrage. Wenn die Jungs in der documenta und Fridercianum Veranstaltungs gGmbH (ich liebe diesen Namen) gut drauf sind, bis 5.000 Euro. Und die sind gut drauf, Athen schließt morgen und da haben sie schön Geld reingepulvert, das hat jetzt ein Ende. Da knallen morgen die Korken und der Knorr-Rauchproduzent will auch weiter machen. Der verbrennt da nämlich die eingereichten Reisekostenabrechnungen aus Griechenland, die Belege hassen die Leute in der GmbH, immer müssen sie Geld raushauen. Da zahlen sie doch lieber für das positive Leben.

Aber keiner will. Für heute reicht’s mir. Ich lasse das Schild im Depot verschwinden. Sollen es doch heute mal nur noch die Spinnen lesen: »Wir kaufen Dein Leben komplett oder in Teilen.« 

Tag 35: »Do you want to go there? Nääh!« 

(Ein Paar wartet vor dem Eingang der Henschelhallen auf den Einlass zur Performance. Die Frau des künstlerische Leiters gibt sich die Ehre. Es gibt mehr Interessenten als Karten, das wird schnell klar. Viel mehr Interessenten)

»Do we need tickets?«

»Oh Mann, sprich deutsch mit mir, ich habe dir gesagt, ich hasse das.«

»I’ll have a look.«

(Der ältere der beiden Männer geht nach vorn und unterhält sich mit dem Wachpersonal. Alles sind wie immer extrem freundlich, Therapeuten würden von »aggressionsgehemmt« sprechen. Es werden, an einem Tisch, Listen überprüft, Köpfe geschüttelt, Handy bedient, wieder Köpfe geschüttelt. Nach einer Weile kommt der ältere Mann zurück)

»No more tickets.«

»Weißt du was? Versuch‘ mit dieser englischen Nummer mal eine Eintrittskarte zu bekommen. Ich jedenfalls habe eine.«

»Maybe online.«

(Er klappt sein nagelneues iPad Pro 10,5“ auf, zaubert ein Applepencil aus der Tasche und tippt in atemberaubenden Tempo auf dem Gorillaglas herum. Es ist deutlich zu sehen, dass er die Split-View-Technik im Safari-Browser beherrscht, denn er scannt gleichzeitig zwei Ticketportale. Um dann den Kopf zu schütteln)

»Shit happens. No more tickets.«

»Nur, dass immer nur dir die Scheiße passiert.«  

»Let’s share your Eintrittskarte.«

»Da nützt dir gar nichts, auch wenn du jetzt was Deutsches dazwischen laberst.«

»Please be so kind to support me.«  

»Noch ein Wort von deinem Scheiß-Englisch und ich haue ab.«

»Excuse me?«

(Der jüngere der beiden Männer stürmt nach vorn, hält dabei sein Ticket, Pardon, seine Einlasskarte nach oben. Das Wachpersonal stoppt ihn, extrem freundlich, wie immer. Er muss warten, wie alle. Dann endlich geht es voran, langer Marsch durch die Halle. Die Zuschauer sitzen mit auf der Bühne, großes Gedränge, das Paar ist wieder zusammen, aber unentschlossen: Erste Reihe mit Gefahr von Mitmachenmüssens oder die fast volle letzte Reihe mit der Garantie des Nixsehenkönnens)

»Do you want to go there?« 

»Näah!« 

Tag 34: »14 ist tot« 

Ich würde schon aus Prinzip nicht studieren. Steht hier an einem Geländer. Und alle anderen wollen zur documenta? Vergesst es. Habt Spaß.  Denn documenta 14 ist aus Prinzip schon nicht lustig. Drinnen ist das Wetter auch schlechter. Dann lieber die erste documenta nachstellen. Arnold Bode an die Wand knallen. Gardinen aus dem Fridericianum nachschneidern. Dieses Licht! Wie die Leute sich benehmen. Der Rektor entzückt. Alle sind hier sehr, sehr freundlich. Fragen Sie die Studierenden. Fragen Sie die Professoren. Man wird es ihnen erklären. Denn die Überwachungskameras überwachen nur noch sich selbst. Sehr rund. Rundgang.

Auf der Bühne sagt der Gitarrist: »14 ist tot.«

Tag 33: »Das Lightbackpack muss zur Garderobe«

Ich bin kein Turnbeutel! Gerade hat mich ein älterer Herr so genannt. Das ist eine Un-ver-schämt-heit. Ich bin Lightbackpack, in silber, mit schwarzer Kordel und einem extra Fach für die Geldbörse. Stark und treu, umweltfreundlich, wiederverwendbar und ganz ohne Chemie, robust, wasserabweisend und waschbar. Und toll aussehen tun sie auch noch. Sagen die Menschen, die mich kennen.

Mein neuer Besitzer tut sich noch etwas schwer. Er schwitzt unter mir! Das ist etwas unangenehm, merke ich mal höflich an. Ich kommuniziere ihm das auf meine unnachahmliche Weise: Ich werde sehr schwer. Doch der User kennt meine Sprache noch nicht. Er trägt mich einfach weiter – mit transpirativen Mega-Erfolgen. Fast alle meine Artgenossen werden abgelegt, ich bleibe auf dem Rücken. Ich bin es light. Mein alter Kumpel, eine Handtasche, wird auf dem Boden gestellt. Ich sehe es genau: Sie chillt! Mehrere Plastiktüten dösen unter einer Bierbank im Schatten. Zwei Lehrerrucksäcke (von Jack Wolfskin, der Looser-Marke) turteln abgehängt auf einem Stuhl. Ein Portemonnaie schläft im Kinderwagennetz neben einem komatösen Regenschirm.

Ich hänge hier in der Sonne, reflektiere, was das Zeug hält. Doch ich werde immer heißer, ich VERGLÜHE. Ich brauche jetzt dringend eine Pause. Vom Schweiß, vom Trubel, von dem schweren Zeugs in mir. Auf einem dieser schönen Ikea-Regale in einem dieser weißen Container.

Und was sagt diese fantastische Frau am Eingang zu meinem Besitzer? Sie spricht mir aus dem Herzen, sie erhört mein Flehen, sie erbarmt sich meiner: »Das Lightbackpack muss zur Garderobe.«

Tag 32: »So erfahren alle, dass an der Decke noch etwas hängt«

Typen gibt es sehr unterschiedliche, dass weiß ich als Journalist. Ich nehme das sportlich. Ich habe gerade ein Interview gemacht und sehe diesen Typen vor mir, der seine Zeit mit Lauschen verbringt. Wem es hilft, der soll es tun. Seine Zitate sind ganz okay. Besser gesagt: die Zitate von Besuchern. Er verrät mir auch ein unveröffentlichtes: »Dieser Panzer, da habe ich gar kein Bild dazu.«

Ich habe Bilder zu Panzern. Und ich hätte sie gerne wieder aus meinem Kopf. Jeden Tag bekommen wir diese Bilder, da fragt uns keiner, ob wir das überhaupt wollen. Wir sehen so viel mehr als später unsere Leser.

Meine Kollegin bearbeitet Kommentare, die auf die Webseite gepostet werden. Sie muss entscheiden, was dann erscheint. Ich habe keine Ahnung, wo sie diese Worte hindrückt. Der Hass kommt bei uns öffentlich nicht vor, da bin ich froh. Ich wünsche mir einen großen Ausguss in jeder Etage, wo wir diese Worte runterspülen können. Oder einen Baustellencontainer, der täglich entsorgt wird. Mit Worten und Bildern, die keiner braucht.

Mein Interviewpartner will noch eine längere Geschichte schreiben, in der ein Feuerteufel beim Parthenon die Hauptrolle spielt. Da läuft es mir kalt den Rücken runter, mein Name ist schließlich der Schutzpatron der Feuerwehr.

Zurück in der Redaktion tippe ich die letzten Worte in meinen PC: »So erfahren alle, dass an der Decke noch etwas hängt.«

Tag 31: »Wir hatten gerade eineinhalb Tage Hardcore«

Alle sagen das: Die documenta will zu Fuß erobert werden. Ich könnte mir vorstellen, mal mit der Tram zu fahren. Wenn ich den documenta-Plan verstehen würde. Und dort die Haltestellen eingezeichnet wären. Ich komme von der Brücke am Rondell und bewege mich auf der Halitstraße Richtung Norden. Die Kasseler Straßenschilder kennen zwar den türkischen Platz, die Straße klingt aber eindeutig niederländisch. Wir wollen zu den Gottschalkhallen, die hier niemand kennt. Überhaupt kennt hier niemand irgendetwas. Ich komme mir vor wie am Nordpol. Der Mann eben hat behauptet, es gäbe eine Neue Galerie, aber keine Neue Neue Galerie. Er ist richtig sauer. Das wäre ein Druckfehler. Ein Druckfehler? Bei der weltweit wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst?

Ich glaube, diese documenta-Macher verarschen uns. Glaubt ihr wirklich, wir nehmen euch ab, dass eine Kreuzung hier »Katzensprung« heißt? Das dort ein Gießhaus sein soll, ist ein Gerücht. Da gießt keiner. Ich brauche auch echt keinen Plan, wo ich die Kunstwerke finde, das wäre mir zu einfach. Ich brauche auch keine Texterklärungen aus einem Tagebuch für Kunstwerk, die hier gar nicht stehen. Ich liebe allerdings die Ordnung der Künstler nach Datum. Ich liebe nicht die Internetseite, die immer mit einer langen Zickzacklinie anfängt. Kenner haben mir verraten, das wäre die Strecke von Kassel nach Athen. Mir reicht der Marsch vom Nordstadtpark mit dieser läppischen Pyramide zur Kunsthochschule, wo wir auch nix gefunden haben. Es gibt aber einen Künstler, der macht was mit Pferden. Und der heißt Ross.

Ich fotografiere die Erklärungen in den Räumen und baue mir meine eigene documenta. Ehrlich, wir brauchen euch nicht mit euren Map Booklets, Daybooks und Readers. Wir kaufen uns die Socken, das ist nützlich. Und einen Hocker.

Der Plan wird übrigens mit Kassel (0) bezeichnet. Was in etwa der Bewertung in Sachen Service entspricht. Ende mit dieser documenta. Wir kommen jetzt an einen Berg mit Terrassen aus Wein – sagt der Plan. Wobei kein Wein zu sehen ist. Ach, doch, da ist er, auf der Karte vom Neu-Kafé. Schreibt man das wirklich so? Mein Hund würde sagen: »Wir hatten gerade eineinhalb Tage Hardcore.«

Tag 30: »Ich habe übrigens ein Bild von der Scheiße« 

Wäre ich ein Pferd, ich wäre um den Friedrichsplatz geprescht. Um euch noch mal zu zeigen, was wir drauf haben. Hallo, wir sind von Parthenon zu Parthenon geritten. 3000 Kilometer! Warum? Weil wir es können. So, wie wir die Ohren nach hinten biegen können, um euch besser zu hören.

Glaubt ja nicht, dass ihr uns reitet. Wir reiten euch. Wir entscheiden bei jedem Meter und Kilometer, ob wir weiter wollen. Die Zügel haben wir nur erfunden, um euch in Sicherheit zu wiegen. In der Sicherheit der Kontrolle über uns. Wir.Sind.Frei. Ich neige mein Ohren mal nach hinten, das kennst du und deutest: Mein Pferd ist entspannt. Es ist mir eine Freude, dass du das glaubst.

Jetzt stehen wir hier, lassen uns bestaunen, bestreicheln und berauschen. Alles, was wir machen, ist Kunst. Und ich meine: wirklich alles. Eine Frau neben mir sagt: »Ich habe übrigens ein Bild von der Scheiße.«

Tag 29: »Man muss das gar nicht wegdenken«

Ich stehe heute Morgen vor dem Spiegel und entscheide, den ganzen Tag auf Deutsch zu denken.

Als erstes denke ich mir jetzt einen Satz aus, in dem alle meine Lieblingsbegriffe vorkommen: Die Trennlinie zwischen dem Prozess und der Stille ist die Partitur zur Flucht vor Gesellschaften, die im Parlament der Körper von Athen lernen, sich linksradikal in 34 Freiheitsübungen zu restituieren, um Hegemonie mit Hilfe der Spaziergangswissenschaften in der Himmelsrichtung South as a State of mind die Masken von den Gesichtern zu reißen – außerdem habe ich gerade Hunger.

Als nächstes werde ich diesen Satz wieder entlernen. Denn sonst sind wir alle dem Untergang geweiht. Oder vielleicht doch nicht? Eine unserer Choristen sagt gerade zu einer Gruppe: »Man muss das gar nicht wegdenken.«

Tag 28: »Wenn die Geschichte sich wiederholt, ist es durch und durch«

Das Axolotl im Aquarium bewegt sich nicht. Die Besucher klopfen an die Scheibe. Fuck you, guys.

Ich schaue auf die Tapete daneben und glaube, dass sich mein Leben gerade wiederholt. Zum hundertsten Male wiederholt wie dieses Muster auf der Tapete: Wenn mich mein Freund verläßt, weil ich »zu kompliziert bin«. Wenn mein Coach die Sitzung beendet, weil »wir doch heute wieder einen Schritt gemacht haben«. Wenn meine Mutter mich, wie jeden Tag, schon an der Tür erwartet mit den Worten »Endlich kommst du mal«. Wenn mein Bäcker mich nach meiner »Brotkarte« fragt und ich keine habe. Wenn mein Bankautomat mich nach der »Scheinauswahl« fragt und ich zum Schein auswähle. Wenn Gunter Tiersch mir zuruft »Mach Sie’s gut« und ich es wieder nicht gut mache. Wenn ich lächele und der Andere nicht zurück lächelt. Wenn ich am Parkautomat auf »Quittung« drücke und keine bekomme. Wenn Trump »You are Fake News« sagt, wenn Erdoğan die Welt verhaftet, wenn Merkel die Raute rautet, die G20-Gegner die Porsches anzünden, die Polizisten pfeffern und wasserwerfern, Michael Wollny durch die Nacht fährt, Karl marxt. Wenn ich wieder allein bin. Wieder.

Ich schaue auf den Zettel mit der Erklärung und lache mich kaputt: »Wenn die Geschichte sich wiederholt, ist es durch und durch.«

Tag 27: »Mama, können wir jetzt mal was Schönes machen?«

(Eine Mutter steht mit ihrem Kind mitten im Parthenon. Im Hintergrund entschuldigen sich zwei Frauen wortreich bei einer Menschengruppe, die Schilder mit Friedenstauben hochhält)

»Mama, was sind das für Bücher?«

»Es gibt Länder auf der Erde, da will man nicht, dass Menschen Bücher lesen. Dann verbietet man das einfach.«

»So, wie Du mir verbietest, abends noch in meinem Buch zu lesen?«

»Ja, schon. Nur dürfen die Menschen dann das Buch überhaupt nicht lesen.«

»In der Schule gibt es Bücher, da wäre ich froh, einer hätte verboten, dass wir die lesen.«

»Kennst du irgendein Buch?«

(Auf Kniehöhe entdeckt der Junge tatsächlich ein Mickymaus-Heft. Er ist begeistert)

»Kenn‘ ich gar nicht. Sieht uralt aus.«

»Und war auch verboten.«

»Das ist total ungerecht. Mickymaus darf man nicht verbieten. Kann ich das Plastik abmachen und reingucken?«

»Lieber nicht. Das wollen sich die anderen Leute auch noch anschauen mit ihren Kindern.«

(Mutter und Kind gehen zum Eingang vom Leder-Meid-Appartement. Die Friedensaktivisten im Hintergrund ziehen zufrieden ab, die Friedenstaubensymbole werden umgedreht, es kommen No-G20-Schilder zum Vorschein)

»Kann ich ein Eis?«

»Wir gehen noch hier schnell rein.«

»Nur, wenn ich vorher …«

»Wir gehen da jetzt noch rein, dann essen wir was Richtiges.«

»Was Richtigeres als Eis gibt es nicht.«

(Der Eismann im Hintergrund weiß aus langer Erfahrung, das Kinder-Erpressungsversuche an dieser Stelle großen Erfolg haben)

»Okay, eine Kugel.«

(Der Eismann lächelt und macht sich an die Arbeit. Die Mutter schluckt, dass sie von einem 2-Euro-Stück nur so wenig zurück bekommt)

»Jetzt gehen wir aber da rein.«

(Die Aufsicht am Eingang verweigert den Zutritt. Mutter und Kind haben beide keinen Rucksack auf und verstehen die Welt nicht mehr. Die Aufsicht deutet auf das Eis. Der Junge muss die Kugel und die Waffel restlos aufessen, die Aufsicht überwacht das streng, dann dürfen beide hinein)

»Wieso haben die rote Waschbecken?«

»Die Farbe heißt rosa.«

»Warum haben die rosane Waschbecken?«

»Sehen doch schön aus.«

»Kann ich mir noch die Zähne putzen? Habe ich heute morgen nicht gemacht.«

»Du hast aber gesagt, dass Du es gemacht hast.«

(Der Junge ist schwer zerknirscht und schaut in ein Unterschränkchen, ob dort Zahnpasta ist. Eine Aufsicht eilt herbei)

»Bitte nichts anfassen.«

»Mein Sohn wollte sich nur die Zähne putzen.«

(Die Mutter kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Jetzt kriegt sie die Aufsicht endlich dran)

»Ach so, warum sagen Sie das nicht gleich. Zahnbürsten gibt es unten im Shop.« 

(Die Mundwinkel der Mutter gehen nach unten. Diese Aufsichten machen ihren Job wirklich gut)

»Ich glaube, Zähneputzen geht hier oben nicht.«

»Super. Diese Dickimenta gefällt mir.«

»Documenta.«

(Der Junge strebt zum Ausgang, rast durch das Treppenhaus nach unten. Die Mutter holt ihn mit letzter Kraft ein. Der Junge strahlt)

»Mama, können wir jetzt mal was Schönes machen?«

Tag 26: »Manchmal höre ich Stimmen, sind die nur in meinem Kopf?«

Ich habe mich entschlossen, die documenta ohne Eintrittskarte zu besuchen. Ich werde alles sehen. Jeden am Eingang überzeugen, dass er mich reinläßt. Ich bin nicht verrückt. Eine Stimme sagt mir, es zu tun. Diese Stimme ist mein Freund seit 46 Jahren. Ich vertraue ihr, noch nie hat sich diese Stimme getäuscht. Alles gelingt mir, weil diese Stimme mich leitet. Jedes documenta-Tor werde ich bezwingen. Ich weiß das. Trotzdem frage ich mich heute zum ersten Mal: »Manchmal höre ich Stimmen, sind die nur in meinem Kopf?«

Tag 25: »Sitzen die Leute endlich im Gefängnis?«

Wenn Du noch ein einziges Mal über die Linie trittst, schmeiß‘ ich Dich raus. Du machst das doch extra. Ich kenne Typen wie Dich. Es sieht ja keiner, denkst Du dir.

Doch, ich sehe Dich! Ich bin höflich, ich sage Dir, dass Du hinter der weißen Linie bleiben muss. Du schaust mich unschuldig an und trittst in gespielter Demut zurück auf die richtige Seite. Ich weiß ganz genau, dass Du dort nicht bleiben wirst. Du willst mir zeigen, wer hier die Macht hat. Weil Du eine Eintrittskarte gekauft hast?

Wieder respektierst Du die Grenze nicht. Deine Hand geht nach oben, Du zeigst mit dem Finger. Zentimeterkurz vor dem Bild hältst Du inne, ich sehe Deinen Seitenblick zu mir. Ich spreche nur mit den Augen und weiß, dass Du weißt, was Du tust. Es gibt keine Regeln für Dich.

Denkst Du. Ich kenne hier alle Regeln und ich werde sie anwenden. Das ist meine Berufung. Ich unbedeutende Aufsicht bin meiner Berufung ganz nah hier in diesem Raum. Mit den Arbeiten, die ich liebe.

Noch eine Sekunde, da, jetzt bist Du drüber. Mit beiden Schuhen. Ich sammele meine Kraft und schreie Dich an, ich habe hier nämlich Hausrecht. Genau das schreie ich Dir zu. Dass Du jetzt hier rausfliegst. Um mich herum wird es still. Alle schauen mich. Ganz ruhig werde ich.

Im nächsten Raum fragt ein Besucher im Vorbeigehen: »Sitzen die Leute endlich im Gefängnis?«

Tag 24: »Wann werden wir für die E-Mails bezahlt, die wir nachts schreiben?«

Wenn wir mit den Besuchern einen Spaziergang über die documenta 14 machen, sollen wir dann möglichst geräuschlos funktionieren? Ich meine: Nein. Ich will Zugänge schaffen und die Menschen anregen, sich mit der Kunst zu beschäftigen. Deshalb bin ich hier, nicht wegen der Bezahlung, wie viele vielleicht glauben. Prekär ist es nicht nur für die Künstler, prekär ist es für den ganzen Kunstbereich, mich eingeschlossen. Tja, werden Sie dann sagen, warum haben Sie denn nichts Vernünftiges gelernt?

Da würde ich einhaken und mit über die Vernunft sprechen. Wenn Sie wollen.

Über das Lernen würde ich auch mit Ihnen sprechen. Da haben Sie dann mal keine Wahl, da müssen Sie durch in meinem Walk. Auch wenn ich eine Gruppe mit Sparkassenmanagern habe, mache ich das. Die wollen ja immer schnell bei allem vorbei, gucken sich so zwanzig Sekunden ein Video an. Ich glaube ja, diese Manager haben bald viel mehr Zeit, als ihnen lieb ist. Die können nicht mehr in der eigenen Küche sitzen, essen ihr Brötchen im Stehen, laufen aus dem Haus – und setzen sich auf die nächste Park“bank“, weil die Sparkassenarbeit ja ausgegangen ist. Keine Zinseinnahmen mehr, Personal überflüssig.

Vielleicht erinnern Sie sich dann an meine Gedanken zu einem Kunstwerk und bereuen, gleich weiter gegangen zu sein. Wenn es dafür gut ist, freue ich mich für Sie. Wenn Sie also in Zukunft an mich denken, freue ich mich schon in dieser Gegenwart. Das ist Kunst. So eine ganz konkrete Gegenwartskunst.

Auf meiner Choristen-Tasche steht: Seien Sie so frei, mich zu meinen Arbeitsbedingungen zu fragen. Ich habe für die Vorbereitungswochen kein Geld bekommen, meine Reisekosten selbst bezahlt. Die documenta-Spaziergänge sind outgesourct, die Agentur behält eine Provision ein, die höher ist als meine Entlohnung pro Gruppe. Ich frage mich: »Wann werden wir für die E-Mails bezahlt, die wir nachts schreiben?«

Tag 23: »Kommt ja überall vor: Traurigkeit und Feinde«

Meine Damen und Herren, ich habe die außerordentliche Freude, Sie heute auf der documenta 14 begrüßen zu dürfen. Als Rechtsanwalt und Notar stehe ich der Kunst ja als Betrachter gegenüber und frage mich oft: Was soll das? Das aber, meine Damen und Herren, ist gar nicht die Frage. Die Freiheit der Kunst ist ja auch die Freiheit der Deutungslosigkeit. Wir deuten auch nicht unsere Mandanten, sondern machen jeden Tag unsere Arbeit im Dienste der Menschheit. Ja genau, so hoch können wir heute schon einmal den Anspruch hängen, meine Damen und Herren. Denn was wäre die Welt ohne uns? Eine bessere Welt? Ganz sicher nicht, meine Damen und Herren. Eine Welt ohne uns wäre eine traurige Welt ohne außergerichtliche Einigungen, ohne Grundbücher, ohne das Recht, auch Recht zu bekommen. Lassen Sie sich durch diese documenta treiben, reflektieren Sie sich mit der Kunst, stellen Sie sich in Frage, meine Damen und Herren, kommen Sie den Ursprüngen Ihres Dasein auf die Spur, seien Sie einmal Sie selbst, lassen Sie den Anwalt Anwalt sein, den Notar Notar. Erleben Sie sich in dieser freien Welt der Künste. Ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, einen ereignisreichen und lehrreichen Tag. Auf das Sie ein Anderer sind am Ende dieses Tages.

Eine Mutter steht im Hintergrund und sagt zu ihrem Sohn: »Kommt ja überall vor: Traurigkeit und Feinde.«

Tag 22: »Es ist nicht alles Schrott, was aussieht wie Schrott«

Schreib‘ mal, wo du bist.😎

Ich habe keine Ahnung, wo ich bin.😳

Schon in Kassel oder?🎯

Stand zumindest am Bahnhof dran 🚂🚃🚃🚃🚃🚃

Und von da bist du wohin?💡

Mit der Tram in die Stadt und da ausgestiegen, wo die meisten Leute waren 👩‍👩‍👧‍👧👨‍👩‍👧‍👧👨‍👩‍👦‍👦👩‍👩‍👦‍👦👨‍👩‍👧‍👦👩‍👩‍👧‍👦👩‍👩‍👧

Am Parthenon?🗽

Warte mal, ich frage ……. Ja, das heißt Parthenon.🎪

Hast du ein verbotenes Buch entdeckt?📙

Wo sind denn hier Bücher?📚

Die hängen dort unter Plastik.🖱

Ach, jetzt sehe ich es. Gehe mal die Treppe hoch🤸🏼‍♂️

Halt, halt, mach das lieber nicht⁉️

Zu spät, bin oben. Hammer🔨

Nein, du bist falsch, der Hammer ist weiter hinten in der Aue⛏

Ich finde Micky-Maus-Hefte🐀

Ja, komm mal runter. Kunst ist kein Spaß🚷

Doch, ist extrem spaßig. Ein Hund pinkelt an Thomas Mann🐕🥃

Also, wollen wir uns überhaupt noch treffen?👥

Ach, nicht gleich so eingeschnappt. Klar will ich dich treffen. Wo?🔃

Hast du eine Eintrittskarte?🎟

Ja Mann😇

Dann komm‘ ins Fridericianum⛩

😖😡😳 Gibt hier kein ⛩

Kleiner Scherz – das Gebäude mit den Säulen 🏛🏛

Ja, sehe ich, sehe ich. Komme rein.🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️

2. Stock 🔝

Sehe einen Panzer aus Schaumstoff🔫💣

Ist Erdgeschoss ⬇️

Weiß ich Mann, gehe die Treppen💡

2. Stock😴💤💤

Bleib locker bin gleich da 🔜

Wenn du um die Ecke kommt, siehst du schon den Schrott.⛓🔩🛒🔗

Wie jetzt, Schrott?⚰️

Es ist nicht alles Schrott, was aussieht wie Schrott.

Tag 21: »Während wir schliefen, stieg das Wasser und war überall«

Wie ist das, wenn die eigene Sprache ausstirbt? Nur noch ich diese Sprache spreche, mich keiner mehr versteht? Und keiner mehr noch lernen will, mich zu verstehen?

Ich lebe auf der indischen Insel Andamanen. Ich höre den Klang meiner Stimme. Spreche immer wieder. Liege hier mit meinen 85 Jahren. Und weiß: Jetzt sterbe ich. Und mit mir die Sprache. Sie verschwindet mit mir. Nach 65.000 Jahren ist meine Sprache nun verschwunden. 

Nein, ich nehme sie mit, ich bewahre unsere Sprache. Für alle Zeiten. In meinem Herzen. Ich atme noch einmal, dann gehen wir. Wir beide.

Es ist völlig dunkel im Raum, auf der Leinwand bewegt sich ein dünner Strich zum Klang dieser Stimme. Dann hört die Bewegung auf. Im Untertitel ist noch zu lesen: »Während wir schliefen, stieg das Wasser und war überall.«

Tag 20: »Hier möchte ich sitzen«

Wenn ich allein über die documenta gehe, sind meine Sinne extrem geschärft. Ich habe mir die Nordstadt ausgesucht, fahre mit dem Auto hin. Diese Annäherung gefällt mir überhaupt nicht. Die documenta braucht einen Fußmarsch!

Ich stehe vor der Pyramide und bin mehr von den Menschen drumrum inspiriert als von der Kunst. Was sie hier alles tun, vor sich hin tun, nicht in Kontakt untereinander sind. Was wäre, wenn alle miteinander sprechen. Muss ja nicht über die Pyramide sein.

Dann doch lieber in den Biergarten. Ich setze mich hin, mir gegenüber steht ein Stuhl ohne Sitz und Lehne. Sitzt natürlich keiner drauf. Ein Junge nähert sich, setzt sich hin. Er schaut mich nicht an, ist ganz vertieft in diesen aussergewöhnlichen Stuhl, ruft zu seiner Mutter:  »Hier möchte ich sitzen«

Tag 19: »Wo kann man sich abtrocknen?«

Ich sehe die Wellen nicht kommen. Sie kommen von beiden Seiten. Sie hauen mich fast um. Noch stehe ich. Um mich herum fallen immer mehr Menschen. Wo ist die Frau im gelben Pullover? Wo der junge Mann mit den Kopfhörern? Der Mann mit dem Buch? Ich sehe nichts mehr. Das Wasser ist überall an mir und in mir. Das Boot mir den Flüchtlingen wankt, die Wellen schlagen über uns zusammen.

Dann gehe ich raus, raus aus Boot, raus aus diesem Film. raus diesem Raum. Erleichtert frage ich: »Wo kann man sich abtrocknen?«

Tag 18: »Fünf Stunden stehen Sie jetzt hier und haben mit Kunst nichts zu tun«

Wenn die Kunst langweilig ist, interessieren sich die Besucher auf einmal für mich. Manche fragen mich nach den Werken, aber die meisten wollen etwas über mich wissen. Ob ich Kunststudentin bin zum Beispiel.

Also mal ehrlich: Um hier zu stehen, brauche ich doch keine Kunststudentin sein! Ist halt irgendein Ferienjob auf dieser Ausstellung, der tollen und berühmten documenta. Am liebsten würde ich Dokumenta schreiben. Weil es mir egal ist. Und ja klar, wir müssen fünf Stunden stehen. Und nein, wir dürfen uns nicht hinsetzen. Einmal hat mir ein Besucher sogar seinen documenta 14-Hocker angeboten. Das wäre es dann gewesen mit dem Job. Hat er aber nicht verstanden, so wie Nicht-verstehen hier ja auch die Regel ist.

Vor zwanzig Jahren, erzählt mir jemand, haben die Aufsichtsleute gestreikt, damit sie mehr Geld kriegen und sich hinsetzen können. Streik ist nicht mehr, alle stieren hier in die Luft. Weil Handys nicht erlaubt sind. Ich würde ja gerne sagen, das sind »Kolleg*innen«. Aber das einzig fortschrittliche ist hier das Gender-Sternchen. Jeder ist hier nach seiner Schicht sofort weg. Wollen wir nicht mal auf dem Friedrichsplatz grillen – so im Sinne von Wir-sind-da-und-wir-sind-viele? Fast besser als Streik.

Ist der Mann jetzt empört oder will er mich loben, als er beim Hinausgehen zu mir sagt: »Fünf Stunden stehen Sie jetzt hier und haben mit Kunst nichts zu tun.«

Tag 17: »Da oben kocht eine Knorr-Suppe«

Chorist wird man ja aus Überzeugung. Choristen sind die Menschen, die andere Menschen durch die documenta 14 begleiten. Wir machen zusammen mit den Besuchern einen Spaziergang über die Ausstellung. Wir im Chor sind 150 Menschen. Wir singen aber selten.

In unserer Ausbildung sollten wir nicht etwas lernen – sondern alles verlernen. Nicht sollten, wir mussten sogar. Und dann geht es auf einmal los und die Besucher stehen um dich rum. Da fand ich es schon gut, etwas gelernt zu haben.

Eben wurde ich gefragt, was die Besucher so sagen. Mir ist eine Gruppe von tschechischen Musikern eingefallen. Als sie sehen, wie am Zwehrenturm Rauch aufsteigt und ich ihnen vom Künstler Daniel Knorr erzähle, rufen sie: »Da oben kocht eine Knorr-Suppe.«

Tag 16: »Manchmal ist der Bildschirm auch ganz dunkel«

Ich bin gegen den Videobeweis. Im Fußball, meine ich. Auch wenn dann die Falschen gelbe oder rote Karten kriegen.

Hier bei der Kunst setzen wir voll auf Video. Wir haben alles im Blick. Tag und Nacht. Ich bin der Herrscher über die Bildschirme. Wenn ich entscheide, wird das vor Ort durch unsere Leute umgesetzt. Handgeschriebene Plakate erkennt unsere Software, jagt sie durch den Rechner ins Internet und sagt mir Sekunden später, ob die Aufschrift gefährlich werden könnte. Dann schicke ich die Sheriffs los. Oder eben nicht.

Wir haben auch eine Pickpocket-Erkennung mit Zeitlupenfunktion, die gleich ein Youtube-Lehrvideo dreht. Damit die Leute sich besser schützen. Wir vermessen auch Taschen am Eingang automatisch. Die Kontrolleure bekommen dann über Knöpfe im Ohr das Okay. Die Prominenten-Gesichtserkennung greift auf die internationale Datenbank zu, so haben wir Wolfgang Joop gleich am Anfang identifiziert und ein paar Interview-Bots erzeugt. Weil der Joop nicht reden kann und wir schon wissen, was er sagen sollte. Facebook-Posts haben wir dazu auch im Paket. Und Likes in Tausenderschritten, schön über den Tag verteilt.

Wir müssen am Parthenon auch noch digital nachhelfen, sonst wird es nicht fertig. Darf aber der Adam nicht wissen, er ist da ein bisschen empfindlich. Die Künstlerin mit der Sonnenbrille ist da echt lockerer. Wir haben mal als Test alle 50.000 Bücher mit ihrem Gesicht versehen, das fand sie spitze.

Aber das manipulieren wir nur in Ausnahmefällen. Fake-News sind eigentlich nicht unser Ding. Wir sind in Deutschland, wir zeigen nur das, was wirklich passiert. Wir manipulieren auch nicht die Schlangen vorm Fridericanum. Die sind echt, isch schwör dir. Auch die Besucherzahlen sind korrekt. Macht so ein Prokurist im documenta-Büro noch in Handarbeit. Wenn es eine Million sind, dann ist das auch so.

Ich muss leider Schluss machen. Die Terror-Spracherkennung schlägt Alarm, denn eine Frau vor der Torwache schaut gerade auf ihr Handy und sagt: »Manchmal ist der Bildschirm auch ganz dunkel.«

Tag 15: »Jetzt erwacht Kassel aus seinem Schlaf«

Meine Eltern sind verrückt auf ihre Heimat. Warum sie dann nach Australien ausgewandert sind? Ich habe keine Ahnung. Aber sie haben es gemacht, dann vor lauter Heimweh ihrem ersten Sohn einen speziellen Vornamen gegeben.

Leider bin ich dieser Sohn und muss, seit ich denken kann, Auskunft über eine Stadt geben, in der ich noch nie einen Fuß gesetzt habe. Bei uns sind Städtenamen als Vornamen nicht  untypisch, es wimmelt von Paris, Brooklyn, Neville, Venice, Memphis und Lyon. Nur wie ich heißt keiner. Meine Eltern haben schon einen ziemlichen Hau. Ja, nun, ich kenne auch eine Mona, die mir von ihrer Schwester Lisa erzählt. Von was sind die Eltern begeistert?

Vor drei Tagen erst haben wir dann einen Flug gebucht, um die Stadt zu besuchen, die mich schon ein Leben lang verfolgt. Einen Direktflug gab es nicht, einen Flugplatz gibt es schon. Ich wäre gerne mal da gelandet, wo mein Name groß dran steht. Wir kommen aber einem ICE-Bahnhof an und ich muss meinen Vornamen mit einem gewissen Wilhelm teilen. Schock!

Nun bin ich hier, lese meinen Namen an jeder Ecke, schreibe Postkarten. Wir finden ein schönes Café, eine Maid in Leder stelle ich mir als Bedienung vor. Ich muss schließlich schlafen, träume wild von Paris, Mona und Lisa, wache ich wieder auf, schaue in das Gesicht meiner Freundin. Sie hat lange darauf warten müssen, sie sagt zu mir mit einem Lächeln: »Jetzt erwacht Kassel aus seinem Schlaf.«

Tag 14: »Und wo ist jetzt mein Höschen?«

(Ein Paar schlendert die Mahler-Treppe nach unten. Im Hintergrund sieht man noch, wie ein älterer Herr mit einem Pappschild in der Hand von der Polizei abgeführt wird.)

»Ey, was hältst du davon, wenn wir mal im Dunklen verschwinden?«

»Im Dunklen? Ist doch heller Tag und so 40 Grad, würde ich mal sagen.«

(Der Mann deutet auf ein Schild, das einer Bogenschießscheibe ähnelt, nur ohne Ringe und mit dem vielsagenden Text ‚Westpavillon Orangerie‘. Im Hintergrund laufen zwei Schmuckverkäufer weg, die Polizisten mit dem Pappschild-Mann im Schlepptau hinter her.)

»Da drin ist es schön dunkel und gesungen wird auch.«

»Das will ich sehen, wenn du singst.«

»Ey, habe ich was von singen gesagt?«

»War ein Witz. Ich will ja da auch nicht singen.«

(Das Paar geht hinein, vorbei am Stuhl eines Eintrittskartenkontrolleurs, auf dem keiner sitzt.)

(flüsternd) »Da, ganz hinten.«

(Das Paar legt sich hinter die letzte Bank auf die Erde. Leider kann man dann nichts mehr sehen, es ist stockdunkel. Die Frau kichert, stöhnt ein bisschen, kichert wieder.)

(jetzt wieder in normaler Lautstärke) »Ey, Du bist viel zu laut. Lass uns lieber in den Park gehen.«

»Aber so gelacht haben wir lange nicht oder?«

»Ja, jetzt komm aber.«

»Und wo ist jetzt mein Höschen?«

Tag 13: »Booooooooonnnnnng«

Natürlich haben wir geprobt. Doch was ist eine Probe im Vergleich zu einer Aufführung? Die Halle war leer. Ich habe jeden Ton einzeln gehört.

Jetzt ist alles voll. Die Leute stehen direkt hinter mir, sitzen vor mir auf einem schrägen Podest. Warten auf den Anfang. Freunde kommen zu mir, sagen »Hallo Matze«, sprechen mit mir. Ich antworte mechanisch. Ich bin nicht da, ich bin im Stück. Jetzt schon.

Es fängt an. Es fängt einfach an, wie es anfangen muss. Musik fließt durch mich hindurch. Ich höre die Töne der Klavierseiten, die vom Saxofon. Ich höre meine eigenen Trommeltöne.

Wir sind auch auf dem Meer, lassen uns tragen vom Wasser. Das Salz in der Luft. Sind aufgeregt. Es passiert so viel gleichzeitig. Ich klettere auf das Flüchtlingsboot, das mitten in der Halle steht, ich habe den Klöppel in der Hand. Ich bin ganz ruhig.

Meine Hände sind schwer. Slow-Motion mit meinem Arm, der weit ausholt. Ich warte nur auf den Moment.

Und dann kommt die ganze Halle in Resonanz: »Booooooooonnnnnng«

Tag 12: »…«

Ich.
Schaue.
Dich.
An.
Und.
Sage.
Nichts.

Du bist da.

Und gehst vorbei.

Registrierst du mich?

Ja. Jetzt siehst du mich.

Du schaust mich an. Nur kurz. Dann schaust du weg.

Ich schaue dich weiter an.

Du schaust wieder zurück.

Ja, Du bist gemeint.

Ich schaue Dich an.

Ich durchdringe Dich mit meinem Blick.

Maria hat uns geraten, das zu tun.

Es fällt mir unendlich schwer. Doch ich tue es.

Dann bewege ich mich wieder.

Ein Stück.

Mit meinem Bein.

Ich strecke es.

Verharre in meiner Position.

Verharre weiter.

Verharre.

Weiter.

Du bist wieder da.

Weil: Du musst hier wieder vorbeikommen.

Es gibt keinen anderen Weg.

Ich.
Schaue.
Dich.
An.

Und sage: »…«

Tag 11: »Sei mal ein Teil des Kunstwerks«

(Kurz nach Mittag, die Temperaturanzeige an der Volksbank zeigt 35 Grad. Am Ticketcontainer im Hintergrund gibt es einen Tumult: Die Dauerkarten sind ausverkauft)

»Müssen wir noch da rein? So eine lange Schlange.«

»Ist doch das Hauptgebäude. Dauert bestimmt nicht lange.«

»Mir geht diese ganze Kunst langsam auf den Geist. Außerdem habe ich Durst.«

»Kunst macht durstig.«

»Und blöd, wenn ich dir so zuhöre.«

(In der Schlange geht es nicht voran. Am Eingang werden um Zentimeter gefeilscht: Darf die Tasche noch mit rein darf oder nicht? Wie am Flughafen versucht eine Frau, ihren Rucksack so zu falten, dass er noch in den Aufsteller passt, der die Maße für erlaubte Taschen vorgibt. Rucksäcke sind aber nicht erlaubt, grundsätzlich nicht)

»Hier drin soll es eine Klimaanlage geben.«

»Ja genau, kühl ist die Kunst besser zu ertragen. Was hast du überhaupt für ein Verständnis von zeitgenössischer Kunst?«

»Kenn ich schon von dir. Wenn du Hunger oder Durst hast, wird es grundsätzlich. Ich bin ganz locker, kühler Kopf gehört für mich zum Denken.«

(Die Verhandlungen am Eingang haben ihren Höhepunkt überschritten. Der Kontrolleur ist einfach wacher, sein Dienst hat gerade erst begonnen. Es ruckt in der Schlange, die Diskutantin wird abgewiesen und trottet zum Garderoben-Container. Dort ist eine Schlange. Diese Geschichte erzählen wir später)

»Fühl‘ doch mal, statt zu denken.«

»Dann wird es mir zu heiß.«

»Ist doch ein gutes Zeichen, wenn es dir mal heiß wird. Dann verlierst du die Kontrolle und es geht was bei dir.«

»Ist nicht so meins.«

(Das Paar ist am Eingang angekommen. Die Eintrittskarten werden gescannt, der Kontrolleur wünscht tatsächlich »viel Spaß«, sie sind drin)

»Ist überhaupt nicht kühl.«

»Aber immerhin bunt.«

(Einige Menschen haben ihre Schuhe an den Rand einer Projektion gestellt und legen sich direkt auf die Erde ins Licht. Sie werden von sehr bunten Mustern beschienen. Sie haben irgendwie Spaß).

»Das ist jetzt wirklich mal geil.«

»Willste nicht mitmachen?«

»Och nö, ich bleib‘ lieber hier am Rand.«

»Ich muss da jetzt rein.«

(Die Frau stellt sich mitten in die Projektion, macht wilde Verrenkungen, geht in eine Art Tanz über, steht wieder still, tanzt wieder, sinkt auf den Boden und ruft laut zu ihrem Mann)

»Sei mal ein Teil des Kunstwerks.«

 

(Danke an Tina für Zitat und Foto)

 

Tag 10: »Häufiges Zweifeln und Misstrauen kann zur Sucht werden«

Ich habe mich versteckt in einem Apartment, das zur Ausstellung gehört. Versteckt auf dem Klo, wirklich simpel und trotzdem effektiv. Gestern Abend schloss sich die Tür und ich war allein. Mit diesen Bildern und mit diesen rosa Waschbecken, Badewannen und Kloschüsseln.

Die Bilder brauchen die Stille. Und meine Augen, die sie abtasten. Behutsam. Sie müssen sich erholen von den tausend Blicken des Tages. Ganz ruhig. Das Licht verschwindet, die Dunkelheit kommt, die Bilder sind weiter da. Ich rieche an den Leinwänden. Behutsam. Keine Angst. Ich bin ja da. Ich lege mich hin, schlafe bei diesen Leinwänden. Traum. Aufgewacht. Noch ein Traum.

Die Sonne geht auf und ich habe einen Blick auf den Parthenon, den sonst keiner hat. Lange steht ich hier, lasse das Aufwachen durch mich hindurchfließen. Wäre gern noch Teil meines Traums, da war alles so einfach. So wie Hier – und Jetzt.

Ich schaue in letztes Mal aus dem Fenster. Dann öffne ich die Tür zum Treppenhaus, verlasse das Apartment, gehe die Treppe hinunter. An der Wand hängt ein Zettel: »Häufiges Zweifeln und Misstrauen kann zur Sucht werden.«

Tag 9: »Dieser Bus? Steht bei uns im Depot«

Der Bus kommt, ich steige ein, setze mich ans Fenster. Irgendwas ist anders. Ich schaue aufs Wasser, das in der Scheibe fließt. Sind das diese neuen Busse mit lebendiger Werbung? Es fließt alles um mich herum. In 3-D, ich brauche dafür keine von diesen Brillen. Ich fühle mich – tatsächlich – wie auf einem Schiff. Der Seegang steigt, wir werden auf einer Welle mit nach oben genommen, verharren dort ichweissnichtwielange und es geht wieder abwärts.

Meine Mitfahrer sind ganz bleich und wollen an der nächsten Haltestelle raus. Die Anzeige springt auf HALT. Nach einer neuen Welle hält das Schiff brav und entlässt die Armen ans Ufer. Sie wanken davon. Ich bleibe noch ein bisschen.

Als ich am nächsten Tag wieder auf das Schiff will, ist es verschwunden. Ich frage den Fahrer und er antwortet: »Dieser Bus? Steht bei uns im Depot.«

Tag 8: »Eine Hungersnot fegte über das Land«

Ich flüstere dir zu. Ja, nur dir flüstere ich zu. Du hörst mich, ich weiß es. Du liegst dort, in deinem Bett und kannst nicht schlafen. Schaltest das Radio ein. Hörst nichts. Erst einmal. Du hast den richtigen Kanal eingestellt, FM 105,8. Die Stille ist erstaunlich. Der Sender sendet – Stille. Es ist so gut für dich, diese Stille zu hören. Ich gebe mir wirklich Mühe mit dieser Stille. Du ehrst diese Stille, indem du weiter eingeschaltet bleibst. Du horchst, was da kommt. Horchst in die Stille dieser Nacht. Fast schläfst du ein. Bist schon im Übergang zum Traum.

Nach einer Ewigkeit flüstere ich dir zu: »Eine Hungersnot fegte über das Land.«

Tag 7: »You are standing but you are not still«

Zuerst ist da nur eine Glasscheibe. An die wird eine zweite gelehnt. Jetzt stehen sie von allein. Eine dritte folgt auf der anderen Seite. Dann schließt sich um mich herum der Glaszaun mit der vierten Scheibe.

Ich bin drin und schaue nach draußen. Ich kann nicht mehr hinaus, ohne die Scheiben zu zerstören. Was will ich? Nicht mehr hier sein! Mein Platz ist definitiv nicht hier. Sucht euch jemand anderen. Denn ich werde mich befreien, wenn ihr mich nicht gehen lasst.

Es wird unerträglich in diesem Raum. Zuerst 10, 20, dann 30 und schließlich 40 Leute. Schließt die Türen, bitte schließt die Türen.

Jetzt sind die Türen zu. Ich spreche meinen Text. Und ich spreche ihn gut. Ich fühle ihn nicht. Das war auch nicht die Anweisung. Wenn ich die Worte fühle, werde ich verrückt.

Ich halte es nicht mehr aus, ich will durch die Scheiben brechen. Die Kunst sagt zu mir: »You are standing but you are not still«

Tag 6: »BEINGSAFEISSCARY«

Sicherheit ist wichtig in diesen Tagen. Steht ja auch auf meiner Jacke. Ich bin also die Sicherheit. Warum sollte das beängstigend sein? Ich schütze doch, wo ich kann. Ich habe mir das übersetzen lassen und ich verstehe es nicht. Ich verstehe es nicht und ich schütze es trotzdem. Ich brauche keinen Dank vom Künstler, ist mir eine Ehre. Der Schutz. Die Sicherheit.

Vor allem nachts bin ich hier. Es passiert: nichts. Die Schrift leuchtet mich an, unheimlich. Nur ich bin gemeint, keiner da sonst. Das finde ich jetzt schon beängstigend. Ist das die Bedeutung?

Ich schaue hoch am Fridericianum und lese es jeden Tag und jede Nacht: »Being safe is scary.«

Tag 5: »Why did you buy so much?«

Was für ein Licht. Ich schaue aus der Straßenbahn in dieses Licht und beschließe, wieder auszusteigen. Mich durch die Stadt zu bewegen in diesem Licht.

Die Tür zum Kino ist geöffnet, ich gehe hinein. Ich kann kaum etwas erkennen, so hell war es draußen. Ich bin allein im Kino. Der Film beginnt, es ist genauso hell wie bei uns, es ist 7.40 Uhr morgens. Es ist in China.

Dreck überall. Ich sehe im offenen Flur eines Wohnhauses. Ein Schuss fällt. Nein. Es ist ein Feuerwerk am helllichten Tag. Ein Mann geht vorbei, spuckt aus. Die Kamera schaut nach unten über die Brüstung und sieht Müllleute, die riesige Säcke verladen. Keiner der Menschen sagt etwas. Einer putzt sich die Zähne vor seiner Tür, spuckt auf den Boden aus. Eine Frau kämmt sich vor ihrer Tür. Ein Hund winselt und winselt. Menschen mit großen Thermoskannen gehen Treppen nach unten, nach oben. Ein Mann klopft, ruft einen Namen, niemand öffnet, er geht wieder. Wasser wird vor einer Tür ausgeschüttet. Nach 30 Minuten fällt der erste Satz.

Die Kamera schwenkt nach innen. Ein Raum voller Nähmaschinen. Niemand arbeitet. Die Menschen plaudern. In den großen Thermoskannen ist Wasser. Die Kamera schwenkt wieder hinaus. Ein Mann schmeißt Müll aus dem 2. Stock auf die Straße. Auf dem T-Shirt eines anderen Mannes steht MADNESS, er geht in die Nähmaschinen-Werkstatt, die Kamera schwenkt mit. Untertitel zeigen, wie die Menschen heißen, wie alt sie sind. Einer ist 40, wie ich.

Ich trete wieder auf die Straße. Nirgendwo liegt Müll. Ich bin so unglaublich froh, hier zu sein. Ich höre die Frau aus dem Film den ersten Satz sagen: »Why did you buy so much?«

Tag 4: »Wenn der Elefant kämpft – da müssen wir hin«

Ich trage eine Maske. Natürlich tue ich das. Denn ich bin ein CEO, ein Chief Executive Officer, ein Vorstandsvorsitzender einer immens wichtigen Firma. Hey, das erwarten Sie doch von mir, dass ich eine Maske trage. Oder, ach so, Sie dachten, ich bin wirklich so. Dann wäre ich wahrscheinlich schon tot. Denn niemand kann nur seine Maske sein.

Manchmal würde ich sofort auf solche E-Mails antworten: »Good day. I am sorry to disturb you but i have a great business proposal for you. My name is Haqqi Khamis, i am from Syria.« Und dann schreiben: »My name is Helmut und i will help you – in business and in life.« Einfach das schreiben und warten, was passiert. Aber ich schreibe nicht.

Gerne wäre ich in Indien auch von Gauri Gill gefragt worden, welche Maske ich tragen will. Als Selbstporträt. Für »Übungen in symbolischer Darstellung lebendiger Realität im wachen wie im Traumzustand«. Endlich gefragt werden. Mich in meinem Traum auch für einen Elefanten entscheiden. Dann aufwachen in der lebendigen Realität.

Als ich durch den Park laufe, werde ich an die Maske, an mich, erinnert, denn ich höre jemand sagen: »Wenn der Elefant kämpft – da müssen wir hin.«

Tag 3: »Emma komm‘, das ist doch einfach«

Ich weiß es noch genau. Ich war erst zwei Jahre alt und trotzdem kann ich mich erinnern. Ein strahlend schöner Sommertag. Die Sonne ist so warm. Wir sind am Rande einer Wiese. Ich sehe ein Klettergerüst. Schön aus Holz ist es. Herrlich ist das. Es riecht so schön. Ich renn drauf zu, will unbedingt hoch. Es klappt nicht. Das Holz ist ganz glatt. Ich versuche es wieder. Ich rutsche ab, ich falle. Ich schreie. Keiner da, der mich beruhigt. Ich beruhige mich. Schaue auf das Holz. Ich versuche es wieder. Und auf einmal bin ich oben drauf.

Meine Schwester sagt: »Emma komm‘, das ist doch einfach.«

Tag 2: »Da möchte ich lieber die Seife kaufen für einen guten Zweck«

Und wenn ich mich jetzt einfach nicht mehr wasche? Ich habe mich, grob geschätzt, jetzt 45 Jahre selbst gewaschen. Immer raffiniertere Techniken entwickelt. Um gefallen zu wollen, vielleicht. Oder ganz bestimmt. Wer gut riecht, ist doch auch sonst gut! Somit ist jetzt das Waschen überflüssig, gut bin ich nur noch für mich selbst.

Wenn man dann verlassen wird, wird auch das Gutriechen egal. Wieder gefallen zu wollen, wieder jemanden zu finden? Das ist eine Vorstellung jenseits meiner Vorstellungen. Denn jetzt bin ich frei von dem, der sich »anders orientiert« hat. Wie sie wohl riecht? Das ist mein letzter Gedanke an diese andere. Punkt.

Als ich mich dafür entscheide, das Waschen aufzugeben, sagt meine Freundin: »Da möchte ich lieber die Seife kaufen für einen guten Zweck.«

Tag 1: »Ich weiß aber nicht, was beherbergt ist«

Will ich überhaupt noch nach Hause? Was ist dort?

Dann bleibe ich doch lieber in der Stadt. Um mich herum die Menschen. Da fühle ich mich sicher. Keiner kann mir was wollen. Keiner. Ich kann eure Gedanken lesen. Wenn ihr wüsstest. So behalte ich die Kontrolle. Über euch. Über mich. Über das Fremde.

»Ich war ein Fremdling und Ihr habt mich beherbergt« steht dort auf diesem Turm. Ich weiß aber nicht, was beherbergt ist