Tag 100: »Wir stehen hinter der documenta 14«

100:TAGE:DOCUMENTA:STORYS:Tag 100 »Wir stehen hinter der documenta 14.«

Wir gehen nicht sang- und klanglos heim. Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir bringen es würdig zu Ende. Wir bedanken uns anständig bei den Besucher_innen. Wir haben gearbeitet bis zum Umfallen. Zum ersten Mal in unserem Leben habe wir zwei documenta-Ausstellungen gleichzeitig begleitet. Wir sind geschafft, aber wir geben nicht auf. Die documenta 15 ruft und sie wird, wie ein Phönix aus der Asche, wieder hier in Kassel entstehen.

Jetzt sind wir hier am Fridericianum, es ist Tag 100, gleich schließen die Türen der d14 für immer. Wir haben keine Angst, wir machen diese Aktion einfach, wir halten das Banner hoch: »Wir stehen hinter der documenta 14.« #documenta #d14 #kassel #100tage100storys

Tag 99: »Die fünfzig«

Sie wandeln noch einmal vorbei, die documenta-Menschen, da an der Scheibe vor der Braumanufaktur:

Die Hustgruppe aus Solm, die Fahrradgruppe beim Holzapfel, die Frau im Dunklen. Der verkleidete Brad Pitt, Adam vorm Spiegel, Jeremias und Henriette im Parthenon. Der Mandant, der am liebsten die ganze documenta kaufen würde.

Der Junge, der jetzt mal was Schönes machen will. Das streitende Paar, das versöhnte Paar. Der 85-jährige, der bald stirbt und seine Sprache mit ihm. Der Mann, der den Shuttle verpasst und in der Bäckerei nichts zu essen kriegt. Das Paar, bei dem es bei der Seife aufhört. Das Paar, bei dem es in der Orangerie erst anfängt. Kleine Jungs auf Stühlen ohne Sitz und Lehne.

 Zwei Grafiker und zwei Punkte, Mann. Weinende Menschen, lachende Menschen. Flüsternde Menschen. Thomas Mars, das Double vom Schimtschick. Pippi-Pausen-Macher. Influencer mit documenta-Tischdecken zum Ausmalen. Marmorzeltplatzbesucher. Selfie-Verrückte. Monstrumstadtplanbenutzer.

Das Lightbackpack, das endlich auf dem Ikea-Regal im Garderobencontainer Pause machen darf. Karl, das Meerschweinchen, dass sich in die Ausstellung schmuggelt. Der Hund, der eigentlich zur dogumenta wollte. Entspannte Pferde, die gerade 3000 Kilometer hinter sich haben.

Mitarbeiter, Aufsichten, Chronisten, die ihre Arbeit mögen und sich hingeben für die Besucher. Matze, der so schön Boooooonnnnng machen kann. Die Machbars vor 20 Jahren. Aaron, Matthias, Rebecca, Jonas, Sophia, Tina, Eberhard und morgen noch der andere Matthias.

Sie alle haben die documenta 14 entdeckt, auf ihre Weise. Mit wachem Blick, der dabei hilft, sich für das Neue zu öffnen. Einfach hinsehen. Einfach empfangen. Sie alle bleiben, mit ihrer Empathie, ihrem Enthusiasmus – und ihrer Liebe.

Da, noch einer wünscht sich in der Lesung was: »Die fünfzig«

Tag 98: »Das ist große Kunst«

Viele Sätze, viele Ideen. Für einen langen Text hat es nicht gereicht, aber ein kurzer geht immer:

Ich sitze wieder bei Wang Bing, schaue wieder in die müden Augen der Arbeiter. Einer schaut in die Kamera: »We got mouths to feed.«

Die Aufsicht in der Neuen Galerie lehnt sich lässig an die Wand und will eine Frau von seinem Job beeindrucken. : »Ich habe zu mir gesagt, ach, dann machst Du da einfach mit.«

Eine Gruppe Jugendlicher sitzt auf den Panzer-Schaumstoffen von Andreas Angelidikatis. Offensichtlich haben die Schüler an etwas gearbeitet, denn auf die Frage der Lehrerin antworten sie: »Dann haben wir in den Wellen Gesichter gesehen.«

Und gleich dahinter eine Frau: »Dieser Panzer, da habe ich gar kein Bild dazu.«

Wie so oft schaut der Chorist in die ratlosen Gesichter seiner Spaziergänger und fragt: »Können Sie damit etwas anfangen?«

Eine ältere Dame ist völlig fertig. Da! Sie sieht einen freien Stuhl, lässt sich fallen: »Ist gut zu sitzen.«

Die ‚etwas annere Führung‘ in Mundart. Gerade geht es an der Gastronomie der documenta-Halle vorbei: »Hier gibbets die gude Bradwurscht.«

An der Ciudad Abierta in der Karlsaue: »Happiness«

Eine Mutter zu ihrem Kind: »Wenn du neun bist, sagst du zehn und wir gehen da rein.«

Menschenmassen bei der Ankunft der documenta-Reiter auf dem Friedrichsplatz, eine Gruppe steht am Rande und diskutiert wissend: »3000 Kilometer sind die geritten und an der Grenze haben die Stempel gefehlt.«

Eine junge Frau zu ihrer Begleiterin: »Im Landesmuseum oben sind Bilder von so komischen Familienaufstellungen mit Menschen.«

Immer wieder in den Räumen, meist laut: »Ich habe hier Hausrecht.«

Zwei Frauen am Gasto-Stand: »Da kriegt man nur die Hälfte und zahlt 60 Cent mehr.«

Vorrangige Bedürfnisse im Kaffee Neu am Weinberg: »Also, da unten steht ein Dixi-Klo, das gehört dazu, aber das ist ganz schön weit.«

Ein Mann, freudig: »Wir gucken oben in die Röhre.«

Family Business im Dépanneur: Tina steht an der Tür, Jonas interviewt mich: »…« (mir fehlen die Worte)

Rette sich, wer kann, der Chef spricht noch einmal: »Wir möchten das ausbeuterische Modell, unter dem die rechtlichen Gesellschafter der documenta ‚die wichtigste Ausstellung der Welt‘ produzieren möchten, anprangern.«

Die kleine Tür im Zwehrenturm, dahinter die Glasscheiben-Flaggen von Costas Varotsos, davor ein Paar, minutenlang vertieft, dann: »Haben die das extra zerbrochen?«

Ich bekomme am Eröffnungstag im Biergarten am Palais Bellevue von Sophia exklusiv den Text der Yael Davids- Performance und beginne zu lesen: »I cover my face with my body and soul at night.«

Ein Paar steht vor dem Video der Künstlergruppe Prinz Gholam. Das Paar vor dem Bildschirm steht still, das Paar auf dem Bildschirm auch. Die Frau sagt nach einer Weile zu ihrem Mann: »Warten, dass er wieder lebendig wird.«

Der kleine Andreas auf der documenta 3: ohne Erinnerung an einen Satz.

Am Weinberg im Vorbeigehen an einer Gruppe: »Ich finde den Kunstbegriff schwierig.« »Man hat Verbindungen geschaffen.« »Das ist große Kunst.«

Tag 97: »Habe ich jetzt Angst? Nö!«

Schuhe will ich nicht. Von der Haiduk schon gar nicht. Sau unbequem. Auch die Armee der schönen Frauen von der Haiduk interessieren mich nicht. Bin selbst schön. Das dritte Ding von ihr, die Soundperformance, das interessiert mich. Ich suche am Schluss dieser d14 immer noch mein Lieblingskunstwerk und will jetzt endlich eins.

Die Dunkelheit. Hier kommt sie über mich. Genauestens werde ich vorher eingewiesen. Soll drin bleiben, so lange es nur irgend möglich ist. Da sei wichtig. Soll mich meinen Ängsten stellen. Hat das jemand gerade zu mir gesagt? Oder sage ich das zu mir selbst? Hallo, bleib‘ mal locker, es geht schon gut.

Mein Puls springt hoch. Wir müssen noch warten, alle halbe Stunde dürfen nur welche rein. Jetzt geht’s los, sitze hier, höre die Stimmen. Und auf einmal ist es banal. Ich sage zu mir selbst: »Habe ich jetzt Angst? Nö!«

Tag 96: »Die Scheiße gugge ich mir nidd an«

Fünf Bücher. Genau die, die ich haben wollte. Wie schön ist das. Ich muss mich jetzt ausruhen. Auf die Bank mit den Büchern. Erstmal nur stehen. Erstmal staunen. Einfach wirken lassen. Die Vorfreude.

Ich fühle mich wie damals in der Stadtteilbibliothek: diese ganzen Bücher. Alle werde ich lesen! Ich bin elf Jahre alt und die Bücher hier sind nur für mich. Ich stehe vor dem Regal, lege den Kopf schief und beginne zu lesen. In meinem Kopf formen sich die Geschichten. Ich ziehe ein Buch heraus. Ich weiß: Das ist es. Das nehme ich mit nach Hause. Verkrieche mich unter der Decke. Und LESE.

Jetzt ist es wieder soweit. Das Glück auf Erden. Danke, Martha.

Hinter mir ruft ein Mann richtig laut:  »Die Scheiße gugge ich mir nidd an.«

Tag 95: »Ach ja, die sieben Millionen«

Sie kennen das ja: Sie haben ein Reisebudget, sagen wir mal für Athen, und dann wollen die Kinder jeden Tag ein Eis, die Ehefrau geht shoppen  wg. Schlussverkauf und Sie selbst wollen ja jetzt echt nicht an jeder Ecke sparen. Es ist ja Urlauuuuub. Und schwups, sind sieben Millionen weg.

Wohin ist es gegangen? Fragen Sie sich, wenn Sie zuhause die Kreditkartenabrechnung prüfen. Na ja, das Abendessen hätte nicht sein sollen, die anschließende Lokalrunde vielleicht auch nicht?  Gut, die Klimaanlage musste sein, es war auf einmal so heiß in der Stadt. Das neue iPhone X war ein Schnäppchen, haben mal alle bekommen. Sieht auch so schön aus. Zuhause wars nur die X-Verpackung und drin war das olle iPhone 8 Plus.

Alles andere geht jetzt echt nicht auf meine Kappe. So ein Grieche will ja auch leben. Da sind wir reichen Deutschen doch selbst schuld dran, wenn die Athener ein Stück vom Kuchen wollen und wir mit Bargeld in der Hosentasche zeigen wollen, wo es langgeht. Irgendwoher muss es kommen. Neue Steuern! Kürzung der Rente! Alles wird teurer! Da kann Schäuble doch mal die sieben Mille verkraften. Ach nein, zahlt ja die Stadt und das Land. Können sie ja von ihm wiederholen.

Glaubt mir, schon bei der nächsten documenta werden wir sagen: »Ach ja, die sieben Millionen.«

Tag 94: »Die Bäckerei bleibt am Montag geschlossen«

Endspurt. Endlich die Sachen von der documenta sehen, für die noch keine Zeit war. Montag ist dafür genau der richtige Tag. Weil: wenig Leute, wenig Schlange.

So gut wie gar keine Filme im Kino gesehen. Also rein ins Gloria. Wang Bing. Film hat schon angefangen. Immer haben die Filme schon angefangen. »West of the tracks«. Ich bin sowas von Jenseits von allem. Eine Stunde im fernen China halte ich durch und sehe diverse Fabriken mit Männer in Pausenräumen, die sich fortwährend ausziehen (deutliche Furunkel am Hintern) und zur Dusche gehen.

Wieder raus. Regen. Ah, durchatmen. Deutschland. Alles in Ordnung. Alle pünktlich. Alles geordnet. Zum Friedrichsplatz. Obligatorische Karte für den Film im Ballhaus holen. »Sie haben Karte Nummer 11. Das ist auch gut so, wir dürfen nur 12 rausgeben. Oder?« Seitenblick zur Kollegin. Keine Zustimmung. Alarm! Aber nein, alles gut. Ich bekomme eine blaue Garderobenmarke mit der Nummer 111 – quer aufgestempelt, in einem etwas dunkleren Blau: »Termin 11. Sep. 2«. Vorsichtig stecke ich sie zu meiner Dauerkarte. Die zwei werden sich sicher im Portemonnaie vertragen, sind doch beide aus der documenta-Familie. »Der Shuttle startet um Punkt Dreizehnuhrdreißig«, sagt sie noch, ohne Seitenblick immerhin. Also noch Zeit.

Parthenon-Buch abholen! Alles abgezäunt mit Flatterband. Da, der Eingang. Gleich hin. »Hier nur Ausgang«, sagt Security. Wieder raus, um die Ecke und da: Schlange mit 150 Leuten. Ein Mann mit Megafon beruhigt die Leute, »es sind genug Bücher da«. Ich sehe sie von weiten, die verbotenen Bücher, sie liegen mitten im Parthenon im braunen Dreck. Ich soll meiner Frau ein Micky-Maus-Heft mitbringen. Ich glaube, das wollen alle haben. Durch den Ausgang schleppen viele ihren Stapel mit Plastikfolienbüchern in brauner Soße, die die Kleidung versaut. Sie sehen so seltsam glücklich aus. Doch in die Schlange stellen?

Nein, ich muss los zum Shuttle. Um gerade noch die Rücklichter vom wegfahrenden eAuto zu sehen. Blick zur Uhr: 13:28. Auto war auch schon voll. Werden sie den Film überhaupt zeigen, wenn nur 11 statt 12 Zuschauer da sind? Mir ist das jetzt egal. Resigniert verweile ich an der VW-Theke, kein Mensch ist da, den ich beschimpfen kann. Die Polizei macht Fotos von Menschen vor Parthenon. Haben die vielleicht Micky-Maus? Traue mich nicht, zu fragen (die schusssicheren Westen!). Bücherausgabenschlange inzwischen mit 300 Leuten. So gut wie keine Kraft mehr, überhaupt noch eine Entscheidung zu treffen. Hinsetzten!

Der Chef Szymczyk schreibt im dünnen d14-Programm (das ich mir einer schwachen Bewegung greife), gleich vorne über »Let’s get lost«. Ich bin sowas von lost. Blättere zum Venue Program. Finde eine Bäckerei, die »Denkmal und sozialer Raum zugleich« ist. Ich bin ausgehungert. Mir ist alles egal. Ich will jetzt Manakish von Nassib’s Bakery im Glaspavillon, ich akzeptiere Denkmal und sozialen Raum. Kämpfe mich durch die Stadt. Wieder Regen. Mit letzter Kraft erreiche ich die Glas-Pavillons, da steht auch schon »Bakery«, schnell rein und was bestellen. In der Tiefe des Raums: keiner da.

Irgendwie empfinde ich tiefen Frieden, als ich am Tresen lese: »Die Bäckerei bleibt am Montag geschlossen.«

Tag 93: »Wenn Du das verstehst, bist Du ein Genie«

Du gehörst in den Parthenon. Ich habe Dich unzählige Male gelesen. Jede Seite kann ich mitsprechen. Deshalb brauche ich Dich auch nicht mehr vorlesen. Es ist schon alles da von Dir.

Für Dich finde ich heute den Platz. Zelebriere Dein Hineintragen durch meinen Demut vor Dir als Quelle meiner inneren Weisheit. Mit Dir konnte es geschehen in meinem Leben, konnte ich mir Trost spenden in der schmerzhaften Veränderung. Du bist für mich das Buch, was den Parthenon vollständig macht für einen Tag. Glänzen wirst Du in Deiner Pracht. Und einen Menschen finden, der Dein Wissen ehren wird. Schon in der nächsten Woche wird Dich jemand in der Hand halten. Dieser Gedanke macht mich froh, ich lasse Dich los.

Heute trage ich Dich auf meinem Kopf genau dorthin. Gleich, jetzt gleich nehme ich  Dich vom Kopf und übergebe Dich Deiner Bestimmung. Kurz bevor ich mich nach unten beuge, höre ich aus dem Publikum (ich muss dabei lächeln): »Wenn Du das verstehst, bist Du ein Genie.«

Tag 92: »Viele wollen ja ihr eigenes Buch zurück«

»Martha, Martha« rufen die Menschen, als Martha Minujín das letzte Buch per Hubsteiger am Partheonon befestigt. Vielleicht tausend Menschen wollen Teil dieses Ereignisses sein, zugehörig sein zu etwas, was nur einmal im Leben so passiert. Sie spüren eine Verbindung, die sie bei dieser documenta 14 so wenig gespürt haben. Vielleicht – weil ihr künstlerischer Leiter keine Nähe zuläßt, die ihn – vielleicht – auch überfordert. Ein dickes Band von Kuratoren ist zwischen ihm und uns, auch bei der Letztes-Buch-Befestigung ist er nicht da. War er umsichtig genug, fortzubleiben? Hätten wir ihn verschlungen? Wie Grenouille im »Parfüm«?

So bleibt uns nur Martha, Martha, die weise im Hubsteigerkorb bleibt, um von unserer Liebe nicht erdrückt zu werden. Unserem Verlangen, Teil dieses Ganzen zu sein und zu verschmelzen. Natürlich mit Beweisfoto per Selfie. Dann spüren wir uns auch besser jenseits dieser kalten Welt mit Trump, Putin, Erdogan. Jetzt sind wir hier, versammelt an einem Ort, vereint in der Gemeinschaftsemotion. Endlich, endlich ist es mal schön.

Ich bekomme als Dank für meine Lesung ein Buch vom Parthenon. Es ist in Folie eingeschweißt. Ich bin froh darüber. Dann komme ich nicht in Versuchung, es zu lesen. Das Guantanamo-Tagebuch.

Eine Frau, vor der Präsentübergabe getroffen, wollte genau dieses Buch haben und sich dafür notfalls die nächste Woche immer wieder anstellen. Sie sagt lapidar: »Viele wollen ja ihr eigenes Buch zurück.«

Breaking News: Sa 9.9.17 13.35 Uhr Parthenon 5 Minuten Blog-Reading

Timetable
Time: 13.35 Uhr
Area: 1
Name: Andreas Knierim
Title: Will read a selection from his blog Blog 100:tage:documenta:storys
http://kassel.coach/tag-27-mama-koennen-wir-jetzt-mal-was-schoenes-machen
http://kassel.coach/tag-47-weisst-du-es-ist-ja-wie-in-der-realitaet-wenn-du-ein-buch-liest
http://kassel.coach/tag-50-buecherklauamparthenon1
http://kassel.coach/tag-72-koennen-wir-uns-wieder-aufloesen
http://kassel.coach/tag-70-muy-bien
Ich würde dann für fünf Minuten daraus etwas zusammen stellen.
Genre : Reading

Language: German

Komplettes Programm als Pdf: Programm_Accomplishment of the Parthenon
Wir freuen uns sehr über Ihre Teilnahme und wünschen Ihnen viel Glück für Ihren Auftritt.
We are very happy about your participation and wish you good luck for your contribution.

Liebe_r Teilnehmer_in,
vielen Dank für Ihre Anmeldung.
Bitte entnehmen Sie die Uhrzeit Ihres Auftritts untenstehender Tabelle und beachten Sie, dass die angegebene Zeit nur ein Richtwert darstellt, da es gegebenenfalls noch zu Änderungen kommen kann – Beiträge können ausfallen oder auch länger oder kürzer sein, als von den Teilnehmer_innen geplant.
Außerdem sehen die Wettervorhersagen für morgen nicht so gut aus, daher behalten wir es uns vor die Veranstaltung zeitlich um ein oder zwei Stunden zu verschieben, da zumindest derzeit, das Wetter etwas beständiger morgen besser aussieht.
Sollten Sie bis 10.30 Uhr morgen früh hierzu keine Email von uns erhalten, bleibt es bei den bereits kommunizierten Uhrzeiten in der untenstehenden Tabelle
In jedem Falle bitten wir sie mindestens 15 Minuten vor der angegebenen Uhrzeit Ihres Auftritts am Anmeldetisch am Parthenon der Bücher zu erscheinen. Der Treffpunkt befindet sich am Fuße der Treppen des Parthenons mit Blick auf das Museum Fridericianum. Hier bekommen Sie alle relevanten Informationen zum genauen Ort Ihrer Darbietung. Ein_e documenta 14 Mitarbeiter_in wird sie dann zu dem Bereich Ihrer Darbietung begleiten. Es wird keine Bühnen geben und Darbietungen werden parallel stattfinden.
Beachten Sie außerdem, dass es keine Anmoderation geben wird und wir Sie daher bitten sich selbst vorzustellen und/oder den Titel des Beitrags selbst anzukündigen. Außerdem möchten wir noch einmal darauf hinweisen, dass es keine Tontechnik vor Ort geben wird.
Sollte Sie kurzfristig absagen müssen, bitten wir sie dies telefonisch unter +49 159 044 331 34 zu machen. Beachten Sie, dass am Morgen vor der Veranstaltung keine Emails mehr gelesen werden.
Wir freuen uns sehr über Ihre Teilnahme und wünschen Ihnen viel Glück für Ihren Auftritt.
Herzliche Grüße
Elena Parwan

*

Dear participants,
Thank you for signing up.
Please take a look at the timeslot for your contribution in the timetable below and note that the time indicated is only a guideline, as changes may still be possible – contributions might be canceled last-minute or could possibly be longer or shorter than originally planned by other participants. Furthermore, the wheater forecast doesn’t seem to be on our side for 12 pm tomorrow, that’s why we might postpone the event to some hours later the same day. Shouldn’t you have an email in your inbox by 10.30 am tomorrow morning, the timetable stays as it is below.
Generally, we kindly ask you to appear at the registration table in the Parthenon at least 15 minutes before the indicated time of your performance. This meeting point can be found at the bottom of the Parthenon’s stairs, on the side facing Museum Fridericianum. Here you will get all relevant information. A documenta 14 member will then accompany you to the location of your performance. Please note there will be no stages and that performances takes place parallely to each other.
Furthermore, we kindly ask you to introduce yourself and / or to announce the title of the contribution, since there will be no moderation. Again, we would like to remind you that there is no sound amplification, so you might have to raise your voice in order to be understood.
If you need to cancel at short notice, please call +49 159 044 331 34. Before the event, no more emails will be read.
We are very happy about your participation and wish you good luck for your contribution.
Best regards,
Elena Parwan

Tag 91: »Du siehst intelligent aus«

In einem Raum in der Neuen Galerie werden Dokumente von Beschlagnahmungen in jüdischen Haushalten und Versteigerungsprotokolle aus Auktionshäusern zur NS-Zeit projiziert. Die Künstlerin Maria Eichhorn erforscht und dokumentiert (lt. KUNSTFORUM International Bd. 248/249, Seite 339; der documenta-Website ist diese Information nicht zu entnehmen) »die Enteignung der jüdischen Bevölkerung Europa und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart«.

Eine junge Frau kommt herein. Durch den schnellen Hell-dunkel-Wechsel bleibt sie, wie alle Besucher, erst einmal abrupt stehen. Dann setzt sie sich. Kneift die Augen zusammen. Sie sagt etwas in den Raum, offensichtlich spricht sie mit sich selbst.

Zeit 0:00: »Ich verstehe das nicht.«

Zeit 0:08: »Sind das verschiedene Drogenarten?«

Zeit 0:11: »Mann, ist das klein geschrieben.«

Zeit 0:17: »Ich wusste, dass ich viel lesen muss.«

Zeit: 0.21: »Sind das Rechnungen?«

Sie kramt in der Tasche, findet nicht gleich das, was sie jetzt braucht. Es ist schon sehr dunkel. Es dauert. Da, eine Lesebrille kommt zum Vorschein.

Zeit: 0:36: »Ich sehe scheiße aus mit Brille.«

Zwei andere junge Frauen kommen dazu, setzten sich gleich hin, schauen auf die Projektion, schauen dann auf ihre Freundin.

Zeit 0:42: »Du siehst intelligent aus.«

(Zeit 0:49: Alle drei Frauen verlassen den Raum.)

»Aber jetzt bin ich auch feddich, Du« – Freitag, 15. September 2017: Lesung aus dem Blog

Andreas Knierim liest am 98. documenta-Tag aus seinem Blog 100:TAGE:DOCUMENTA:STORYS in der Braumanufaktur Steckenpferd in Kassel.

Jeden Tag hat sich der Blogger Andreas Knierim auf den Weg zur documenta 14 gemacht und genau hingehört. Dann einen Satz mit nach Hause genommen und daraus eine Geschichte aufgeschrieben.

Wir begegnen Choristen (»Das habe ich Dir so richtig abgenommen«), Aufsichten (»Nachdem ich den Tag erlebt habe, kann mich nix mehr schocken«), Fußmüden (»Wir hatten gerade eineinhalb Tage Hardcore«), Interessierten (»Ich will ein Bild von Dir neben der Micky Maus«) und Desinteressierten (»Da mach‘ ich mir gar nicht die Mühe, das zu lesen«), Kindern (»Mama, können wir jetzt mal was Schönes machen?«), Verzweifelten (»Es gibt nie eine Erklärung dazu«). Einsamkeitssucher (»Nur ne Sekunde, ich möchte mal ohne Menschen«), Gruppen (»Können wir uns wieder auflösen?«) und schließlich Adam Szymczyk persönlich (»Man muss das gar nicht wegdenken«) und seinem Double Brad Pitt («Wir glauben, dass wir das, was wir zu wissen scheinen, entlernen müssen«).

Zuhörer können vor der Lesung im Internet unter http://kassel.coach/ ihre Lieblingsgeschichte aussuchen und sich die Tagesnummer merken. Der Autor liest dann vor. Versprochen! Denn: Kunst ist das, was ich erkennen kann!

Freitag, 15. September 2017 um 19 Uhr in der Braumanufaktur Steckenpferd, Kastenalsgasse 8, 34117 Kassel, 0561-92011470, http://braumanufaktur-steckenpferd.de/

Tag 90: »Eine fantastische Frau«

Hinter jedem großen Mann steht eine Frau? An was erinnert sich das Publikum? An den Mann? Oder an die Frau? Oder an gar keinen? Was bleibt von d14? Adam who?

Eva!

Gut, dass es diesen Film gibt. SIE zeigt. Wie sie ihn unterstützt. Wie sie ihn schützt. Wie sie ihn stützt. Sie blickt zur Anzeige. documenta 14 Retrospektive: »Eine fantastische Frau.«

Tag 89: »Dieser Turnschuh heißt d14«

Willkommen auf der Start-Up-Messe Kassel mit dem Tages-Hotspot: D. D14. DOCUMENTA. documenta14. Let’s Go. Let’s Go Into Business.

Die Geschäftsführung ist vollständig anwesend, denn die documenta unterstützt die lokalen Jungunternehmer. Vor allem, wenn diese eine besondere ästhetische Vision haben. Und die haben die People hier in der Location. Großes Winkewinke an die documenta-Sprecherin  Maxxxxxie Fiiiiiiiiiiischer. Sind ein tolles Team: Maxie, die Schuhe, die Spaziersocken und wir. Und Annette.

Ten to One – die Jury hat sich entschieden, die documenta packt ihr Label drauf, wir sind stolz auf euch, proudly presents:

Platz 10:
»Diese Bongos heißen Oto.«
Teilt sich den Score mit:
»Dieses Gartenhacke heißt Hans.«
»Dieses Biwak heißt Hiwak.«
»Dieses Ross heißt Birell.«

Platz 9: »Dieses eCar heißt Adam.«

Platz 8:
»Diese Pizza heißt documenta-Stagioni(4).«

Platz 7:
»Diese Socke heißt Cathèrine X.«

Platz 6:
»Dieses Bier heißt documenta-Suff.«

Platz 5:
»Dieses Bücherregal heißt Martas Madness.«

Platz 4:
»Diese Zigarre heißt Arnold B(est).«

Platz 3:
»Dieses Sturmgewehr heißt ShootAtRegina.«
Gleichstand mit:
»Dieser Panzer heißt EscapeWithRegina.«

Platz 2: »Dieser Wanderschuh heißt Lucius.«
Gleichstand mit:
»Dieser Spazierstock heißt Annemarie.«

Und jetzt zum Highlight heute – definitely Nummer eins, Número Uno, Number One, tóuhào:
»Dieser Turnschuh heißt d14.«

Tag 88: »Was ist denn das Teuerste hier?«

Dann bitte noch vier von den Röhren inklusive Inhalt. 10.000 Parthenon-Bücher, original in Verpackungsfolie.  Die Blutmühle, bitte ohne Münzen und Blut. Obelisk Königsplatz –  zerlegt anliefern. 80 Rentierschädel, Stahldraht entfernen, auswaschen. 100 Flaschen Sufferhead, bitte einzeln vom Künstler signieren lassen. Alle Kissen aus dem Ballhaus, bitte nicht den Film. 20 Stück kleine Wegweiser, Zeigerichtung geradeaus und rechts. 430 Brote aus Nassib’s Bakery, glutenfrei für Vernissage/Catering New York. Knorr-Rauch in Flaschen 0,1. Wasser im Schachbecken, ebenfalls in Flaschen 0,1. Marmorzelt ohne Sockel. Alle Lehmbauten, Künstler zwei Tage dazu buchen wg. Erläuterungen. 200 kg Tofu mit Herkunftsnachweis Kassel. Panzerkissen komplett. Kleidung von den lustigen Frauen auf dem rosa Teppich im Postgebäude. Restware Arbeitsschuhe. Restware Seife. Eiswagen Orangerie. Beide Torwache-Gebäude inklusive Säcke. Documenta-Markenrechte für Asien und Ozeanien (nicht Athen) mit Option: jährliche Durchführung.

Gesamtpreis dann per Mail. Wir danken im Voraus für Ihre Mühe. Kontaktieren Sie uns bei Unklarheiten. Und bitte noch die Frage unseres Mandanten beantworten, als er in Kassel Station machte, dafür dann Extra-Angebot: »Was ist denn das Teuerste hier?«

Tag 87: »Du kannst ruhig da rein gehen und Seife kaufen«

Ein Paar ist auf Shoppingtour. Schon jetzt reich bepackt. Der Mann mit leuchtenden Augen.

»Da musste ich einfach zuschlagen: Zwei zum Preis von einem!«

»Eine Flasche Bier für vier Euro. Schnäppchen, würde ich sagen.«

»Ja, aber vorher acht Euro. Aber Deine Schuhe reißen es auch nicht wieder raus.«

»Moment mal, die gab es nur dort. Sonst nirgends. Zweiundfünfzig Euro.«

»Du hast unterschrieben, sie nur bei der Arbeit zu tragen!«

»Ach Gott, was man so unterschreibt.«

»Aha, Du willst Dich also nicht dran halten. Karma adé.«

»Warum sollte ich mich nicht dran halten? Ist doch süß, Schuhe nur für die Arbeit.«

»Sehen auch echt bequem aus, die Süßen.«

»Schuhe brauchen nicht bequem sein, sondern sollen schön aussehen.«

»Schöne Schuhe für die Arbeit, ich lach‘ mich tot.«

Sofort geht die Frau zwei Schritte schneller, der Mann kommt kaum nach. Sie schaut auf den documenta-Plan, der mit handschriftlichen Anmerkungen übersät ist.

»Jetzt noch in die Neue Galerie.«

»Was gibt’s da?«

»Seife!«

»Nö, echt jetzt? Teuer?«

»Ach was, alles Bio für zwanzig Euro.«

»Ich weiß gar nicht, ob ich das so genau wissen wollte.«

»Außerdem wird Dir alles genau erklärt: wo die Seife herkommt und so, die Landbevölkerung verdient was dran, die Transporte sind CO2-neutral und noch so Sachen.«

»Ich kaufe mir lieber zwanzig Stück Seife und scheiß auf Öko.«

»Wenn Männer entscheiden, geht die Welt halt unter.«

»Du willst jetzt echt nicht daraus so ein Frauen-Männer-Ding machen.«

»Bei Seife hört der Spaß auf.«

»Ach na ja, vielleicht kannst Du die Seife doch ganz gut gebrauchen.«

Die Frau geht wieder zwei Schritte voraus, stellt sich in die Schlange und liest demonstrativ im documenta-Plan. Der Mann sieht in Richtung Biergarten und ruft laut: »Du kannst ruhig da rein gehen und Seife kaufen.«

Tag 86: »Die Bombe liegt ganz ruhig da«

Also, wenn die documenta jetzt eine Bombe wäre, keine Kriegs- sondern eine Nachkriegsbombe. Und man würde die Bombe finden und sich fragen: Wollen wir die jetzt entschärfen? Dann wäre das ja keine Frage, denn Bomben werden ja immer entschärft! Also die explosiven Ideen von Arnold Bode entschärfen und daraus etwas Harmloses machen. Spätestens bei der documenta 15.

»Nehmt die Schärfe raus«. »Nehmt einen künstlerischen Leiter, der nicht so kritisch ist«. »Was, wenn Kassel keine Rolle mehr spielt?« Also einen künstlerischen Leiter aus Kassel! Oder von mir aus einen mit  Wurzeln aus Kassel, der es in der weiten Welt weit gebracht hat. Das wäre was. Der hat ein Herz für unsere Stadt. Für die Stadtväter. Den OB.

Der Neue geht nicht »usswärds«, der bleibt in der Heimat. In unserem schönen Kassel! Kunst an der Bergpark-Fontäne wäre schön. Das schreiben wir gleich in seinen – ok Genderpeople: oder ihren Vertrag. Dann nehmen wir nicht € 7 Parkgebühren, sondern € 30 und die documenta-Tageskarte ist gleich mit drin. All-Inclusive Wasser-Künste mit documenten-Künsten (»documenta-Ausstellungen« heißt das, Du Banause). Der Aufsichtsrat muss ran und endlich mal was bestimmen.

Im Radio sagt die Moderatorin: »Die Bombe liegt ganz ruhig da.«

Tag 85: »Politische Emotionen der Freude entwickeln«

Wenn wir wollen, können wir richtig Gas geben.

Inspiriert vom Werk des argentinischen Konzeptkünstlers und Schriftstellers Roberto Jacoby, stellt diese dreitägige Veranstaltung ein kritisches und performatives Treffen von Künstler_innen, Aktivist_innen, Denker_innen, Tänzer_innen und Dichter_innen dar, die als Kollektiv daran arbeiten, in Zeiten rassistischer Wut, neo-nationalistischer Angst und neoliberaler Depression politische Emotionen der Freude zu entwickeln.

Inspiriert von der neoliberalen Angst arbeitet das Kollektiv von Emotionen_innen, Wut_innen und Freunde_innen daran, performative Konzepte kritisch zu inspirieren.

Rassistische Freude, gepaart mit Kritik und Performation, arbeitet in politischer Freude an Emotionen und – Angst. Jacoby-Konzepte aus Argentinien! Wut!

Freude, Werk, Nationalismus treffen auf Denker_innen, Tänzer_innen, Mitglieder_innen, Aktivist_innen.

Depressiver Neoliberalismus, ängstlicher Nationalismus – konzipiert von wütenden Rassisten, emotionalen Politikern und veranstaltet für drei Tage in Freude und Werk.

Schrift stellen, künstlern, tanzen, denken, dichten, kollektiven, performativen, entwickeln, arbeiten, ängsteln, politisieren. Alles in Zeiten rassistischer Depression, neonationalistischer Wut und neoliberaler Angstfreude.

Wir sind, was wir sagen, wir sagen, was wir sind und wir werden, yeah, ich schreie es für euch jetzt heraus, wir werden »politische Emotionen der Freude entwickeln«.

Tag 84: »Bitte nehmen Sie keine Haustiere mit in die Ausstellung«

Gerne lasse ich mich streicheln. Gerne auch jeden Tag. Nur: Lasst mich nicht allein. Dann fange ich fürchterlich an zu quieken. Ihr wisst das und deshalb darf ich mit. Überall hin. Erst recht zur Kunst. In einer extra Tasche mit Luftschlitzen. Kein Rucksack, wir sind ja nicht documenta-blöde. Wir kennen die Regeln, wir brechen die Regeln. Rucksack nein, Karl ja.

Karl bin ich, Cavia porcellus form. domestica aus dem Münsterland. Stubenrein selbstverständlich. Handzahm. Allergisch gegen Aufsichten jeder Art. Mucksmäuschenstill bin ich, ich raschele nicht dem Heu in meiner Tasche, ich bin cool. Lieblingsort natürlich die Neue neue Galerie, weil schön dunkel. Lieblingskunstwerk natürlich Parthenon, weil nichts verboten und alle sind frei (obwohl, halt, die Leute dort schätzen uns als Delikatesse. Nein, aber doch nicht Du, Martha). Lieblingslocation natürlich NEU-Kafé-Biergarten weil geschützte Grasfläche und liebe Thekenmannschaft mit Wasserschälchen.

Was wir echt gut können, ist flüchten. Und hey, das muss doch dem Schimtschick gefallen, seine Kunst ist doch Flucht und Vertreibung. Er muss uns einfach lieben. Wir haben außerdem das Komfortverhalten: entspanntes Dösen, mit dem Kopf auf dem Boden und lang ausgestrecktem Körper herumliegen. Das macht doch die Frau vom Schimtschick immer in den Henschel-Hallen. Wie gesagt, er muss uns einfach lieben.

Ich diktiere das hier mit Siri, denn Siri versteht jedes Wort in jeder Sprache. Gruß an Steve: Hey Mann, du bist der Größte. Ich kann leider nicht lesen, deshalb habe ich auch das Schild eben am Container übersehen: »Bitte nehmen Sie keine Haustiere mit in die Ausstellung.«

Tag 83: »Every single day there is a coincidence«

So durch die Welt gehen. In diesem Moment. Dem Zufall begegnen. Weil es geschieht. An jedem einzelnen Tag. Auch in dieser freudlosen Ausstellung. Freude ist doch in Dir drin. Bleibt. In. Dir. Drin. Beruhigend. Aufregend.

Durch den weißen Vorhang. Durch den schwarzen Vorhang. Hinein ins Dunkle. Auf den Kinosessel. Losschauen. Und dann erscheint es: »Every single day there is a coincidence.«

Tag 82: »Alter Schwede, Mann«

Vor 20 Jahren war alles Machbar. Eine kleine Truppe mit geliehenen Apple-Computern rockt die documenta X. Sie waren in einem ehemaligen Frisiersalon untergekommen, hängten selbstgebaute Lampenvasen ins Schaufenster und los ging’s. Denn diese Jungs hatten etwas, was die documenta brauchte: Zeit.

Zeit, einen Parcoursplan zu gestalten, der sich stündlich änderte. Minütlich. Sekündlich. Was diese Designer geduldig machbar machten. Mit äußerst unruhiger Kundschaft auf Seiten der künstlerischen Leitung. Die alle, wirklich alle, komplett verrückt machen wollte. Was blieb ihnen auch anderes übrig, sie waren ja selbst verrückt. So waren wir im Verrücktsein vereint, holten Bier aus dem Pressestellenkühlschrank, stießen an, »nich‘ lang schnacken, Kopf in Nacken«, tranken aus, machten weiter. Wenn der Kühlschrank leer war, wechselten wir zur künstlerischen Leitung, die bunkerten noch Wein aus Sardinien. Und wieder von Machbars eine neue Flyer-Fassung-Fertig.

Nebenbei wurden die Souvenirs gestaltet. Logo auf alles! Als es ans Verkaufen ging auch die Souvenirverkaufscontainer. Hatte vorher keiner dran gedacht, »müssen wir noch einrichten«. Also ran und machen. Hinten haben wir noch zusammen gefegt und zusammengefegt, vorne kamen die Leute rein: »Was denn Klose, was denn Klose?« Silberblick und Rotsehen: Rotes Kreuz auf silbernen Grund, Farben und Pinsel dazu,  Besucher-Künstler konnten ausmalen! Fast wie bei Beuys.

War das vor 20 Jahren? Nein, das war gestern. Ich schwöre. Bis heute habe ich ihr Liedchen im Ohr: »Alter Schwede, Maahn. Alter Schwede, Maahn. Alter Schwede, Mahahaan. Alter Schwede, Mann.«

Tag 81: »Da ist ganz wenig, nur diese zwei Holzdinger«

»Die Frauen haben alle Bücher auf dem Kopf bis zum Parthenon getragen.«

»Der documenta-Boss wohnt in Athen und wollte mal vor seiner Haustür eine Ausstellung.«

»Brad und Angelina sind wieder zusammen, kommen am letzten documenta-Tag und kaufen den Obelisk am Königsplatz.«

»Das Wasser im documenta-Bus ist aus der Fulda.«

»Die Wohnungslosen-Tagesstätte Panama kriegt die Röhren von Hiwa K. und baut sie als Winterquartiere um.«

»Die Scanner für die Eintrittskarten sind Attrappen. Jeder kann mit irgendeinen Ausdruck reingehen.«

»Andreas Temme hat sich das Video in der Neuen neuen Galerie angeguckt und wird neu aussagen.«

»Die Choristen packen in der letzten Woche ihr geballtes Wissen aus und geben Antworten.«

»Für den Film im Ballhaus sind zwei Eintrittskarten abgeholt worden. Von Asiaten, die damit alles gesehen haben.«

»Im Schachsee in der Gottschalkhalle schwimmen Fische, die für einen guten Zweck versteigert werden. Der gute Zweck ist die schwarze Null bei der documenta.«

»VW schenkt der documenta alle eingesammelten Dieselautos und baut sie zu e-Mobilen um.«

»Der neue OB sucht den nächsten künstlerischen Leiter persönlich aus. Es wird eine Frau. Die eine Standortgarantie geben wird.«

»In der letzten Woche kosten die Dauerkarten nur noch die Hälfte.«

»Schimtschick will im Fridericianum für die letzten stressigen Tage noch eine Raucherlounge einrichten. Reservierungen sind online möglich.«

»Das Sufferheadbier kam auf Flüchtlingsschiffen nach Deutschland.«

»Da ist ganz wenig, nur diese zwei Holzdinger«

Tag 80: »••«

Das Public Paper der documenta 14 erscheint in zweiwöchentlichem Rhythmus freitags in Athen und Kassel und informiert über alle Veranstaltungen der documenta 14 in beiden Städten.

»So ganz stimmt das ja nicht mehr mit den beiden Städten.«

»Ey Mann, bleib‘ doch mal locker, wir haben das mit Athen und Kassel so angefangen und jetzt machen wir das auch so zu Ende.«

»Das ist jetzt Dein Ernst? Athen ist doch vorbei.«

»Ey Mann, nein, Athen ist niemals vorbei.«

»Hast Du in letzter Zeit mal mehr als drei Stunden am Stück geschlafen? Muss ich mir Sorgen machen?«

»Ey Mann, ich schlafe doch. Am liebsten hier.«

»Was man dem Issue No. 11 auch ansieht.«

»Ey Mann, das ist auch die verflucht kleinste Punktgröße ever. Wir haben doch versucht, es genau so zu gestalten, dass es keiner mehr lesen will.«

»Lesen kann.«

»Ey Mann, Gestaltung ist alles. Wer braucht ein Programm?«

»Die Besucher?«

»Ey Mann, die müssen doch rumlaufen, die lesen doch nicht unser Issue.«

»Das stimmt, die Stapel in den Container werden nicht kleiner. Ich glaube, wir schmeißen die Hälfte vom Druck immer weg.«

»Ey Mann, wir drucken das für uns selbst. Es ist so großartig, dass wir das machen. Wir müssen das gar nicht mehr verteilen.«

»Du musst jetzt mal schlafen, ehrlich.«

»Ey Mann, schlafen kann ich, wenn ich tot bin.«

»Rainer Werner Fassbinder.«

»Ey Mann, was redest Du da?«

»Ach, nur so die Quelle von Deinen Zitaten.«

»Ey Mann, wir schaffen das schon, nur noch 20 Tage, nur noch ein letztes Issue.«

»Nur ist Dir mal aufgefallen, dass es nicht mehr so viele Veranstaltungen gibt und wir immer dieselbe Anzahl von Seiten haben?«

»Ey Mann, klar ist mir das aufgefallen.«

»Und was machen wir jetzt?«

»Ey Mann, wir machen auf jeder zweiten Seite so große schwarze Punkte.«

»Du bist so genial, Mann«

»Ey Mann, klar. Wir machen das extrem cool. So wird es aussehen.«

»••«

 

Tag 79: »Da sind drei Stück gewesen. Alle geklaut«

Es gibt tatsächlich Menschen, die ihre Arbeit lieben. Ihre Arbeit bei der documenta lieben. Sich darum kümmern, dass Besucher den richtigen Weg finden zu den »Venues« (wie er das formuliert). Um jedes Schild bei seinen holländischen Grafik-Kollegen kämpft. Immer wieder erklärt, wie es besser geht. Erfahrung hat seit der documenta X und keiner will es hören. Dann Material kauft und selbst baut. Die richtige documenta14-Farbe kennt und am liebsten wieder in Athen drucken lassen würde – weyel die es als Einzige richtig hingekriegt haben. Leider wußte keiner mehr, wo das war. So wurde es eine Farbe »aus einer deutschen Epoche, die nicht so angenehm war«. Dann die Besucher lieber oben über die Straße führt statt durch die Unterführung. Dann Besenstiel-Schilder gegen massive getauscht. Dann endlich eine Pause macht und zwei Bilder malt, nur für sich. Dann an der Neuen Galerie vor getaner Arbeit steht und schaut und bemerkt, dass es wieder von vorne losgeht: »Da sind drei Stück gewesen. Alle geklaut.«

Tag 78: »Aber jetzt bin ich auch feddich, Du«

Laut ins Telefon: »Hier ist die Hustgruppe aus Solm.  Nein, wir können nicht länger warten. Wir müssen jetzt weiter. Wo sind Sie denn? Kenn‘ ich nich. Was ist denn da in der Nähe? Ach ja, die Bücher. Von da ist es nur ein paar hundert Meter zu uns. Sehen Sie die Straße? Sie sehen mehrere Straßen? Ja, stimmt, da ist ja eine Kreuzung. Gehen Sie doch in Richtung documenta-Halle. Nein, das ist nicht der Bau mit den Säulen. Wohin schauen Sie denn? Gut, dann drehen Sie sich jetzt mal um 90 Grad nach rechts. Was sehen Sie? Nein, wenn Sie eine Straßenbahn sehen, haben Sie sich nach links gedreht. Gut, was sehen Sie jetzt? Eine Straße, das ist gut. Gehen Sie mal los. Zur Straße, genau. Hallo? Ach, Sie müssen auf die Ampel achten. Das machen Sie gut. Sind Sie drüber? Noch auf der Mittelinsel? Gut, ich warte. Jetzt auf der anderen Seite, ah, das ist sehr gut. Sie müssten jetzt die documenta-Halle sehen. Vorne mit viel Glas. Sie sehen das? Ausgezeichnet. Ach, da ist ein Parkautomat drin? Nein, das ist Eingang zum Parkhaus. Sie müssen nach vorn schauen. Jetzt sehen Sie es? Sehr gut. Hat aber keine Glasfront? Doch, eben war da noch eine Glasfront. Das Theaterprogramm wird in einem Schaukasten angekündigt? Ah ja, dann ist es das Theater. Gehen Sie einfach weiter. Was sehen Sie? Einen Garderobencontainer?«

Wendet sich nach rechts: »Heidrun, war da ein Garderobencontainer? Heidrun? Wo ist sie denn schon wieder? Ach, da bist Du. War da ein Garderobencontainer, Heidrun? Gut, da war ein Garderobencontainer. Danke, das ist jetzt wirklich hilfreich.«

Wieder laut ins Telefon: »Sie müssen am Garderobencontainer noch vorbei. Dann kommt die documenta-Halle.  Das sehen Sie? Blendend. Sie sind drin? Ach Gott, nein.  Sie sollten doch nur dran vorbei gehen, wir sind doch nur wenige hundert Meter … Sie können nicht wieder raus? Müssen hinten durch und unten wieder raus? Sagt der Mann am Eingang? Ja, machen Sie das. Ich bleibe dran, ja.«

Wendet sich diesmal nach links: »Mein Gott, Heidrun. Das kann doch nicht so schwer sein, uns zu treffen. Ich werde noch wahnsinnig mit denen. Heidrun? Ach, da bist Du. Immer stellst Du Dich hinter mich.«

Nochmals laut ins Telefon: »Sie sind draußen? Machen ein kleines Päuschen? Weil es so anstrengend war? Himmel ja, machen Sie eine Pause. Ja, natürlich dort in diesem Biergarten. Ich kenne den Biergarten. Die Bratwurst ist ausgezeichnet.«

Heidrun ruft von hinten: »Und Hans-Helmut, hast du die Leute erreicht?«

Hans-Helmut läßt resigniert das Telefon sinken: »Nee, nich wirklich.«

Er will los. Heidrun setzt sich auf die Mauer: »Aber jetzt bin ich auch feddich, Du.«

Tag 77: »Ich glaub‘, hier ist nix«

Tür aufgemacht: Feuerlöscher!

Durch den Vorhang geschlüpft: Putzeimer!

Klinke gedrückt: Abgeschlossen!

Hinten rum gelaufen: Wand!

Ins Kino gegangen: Dunkel!

Rucksack zur Garderobe gebracht: Zu!

Nach einer Flasche vom Sufferheadbier gefragt: Es gibt nur zwei zum Preis von einer!

Schnell zu den Wüst-Bildern in der Neuen neuen Galerie: Hier nur Ausgang!

Unter den Absperrungen durchkrabbeln wollen: Gehen Sie bitte außen rum!

Einer Gruppe was vor den Bildern erzählt: Bitte gehen Sie weiter, das dürfen hier nur die Choristen!

Wasser aus der mitgebrachten Flasche trinken wollen: Hier dürfen Sie nicht trinken!

Aus Versehen ein Foto mit Blitz gemacht: No flash please!

Nach der Brücke am Rondell gefragt: Gibt’s nicht!

Nach der Halitstraße gefragt: Hä?

An die Fridericianumsschlange angestellt: Wir schliessen um 19.50 Uhr, der Hausmeister will abschließen!

Völlig fertig auf den Liegestuhl gesetzt: Können Sie bitte aufstehen, wir wollen Schluss machen.

Kein Klo. Kein Bewirtungsbeleg. Kein Aperol Spritz. Keine Kartenzahlung. Kein Bier vom Fass. Kein Papier im Klo. Keine Ahnung, wie auf der documenta-Website navigieren. Keine englische Speisekarte. Keine Führungen. Keiner, der auf Fragen antworten will. Kein Hotel mehr frei. Keine Ahnung, ob hier jemand bedient. Echt keine Ahnung.

»Ich glaub‘, hier ist nix.«

Tag 76: »Aber dann kommen wir nirgends mehr rein«

Die Neue-Galerie-Schlange schlängelt zum Palais Bellevue, verknotet sich dort mit der Bellevue-Schlange. Danach entknoten sich die Neue-Galerie- und die Bellevue-Schlange wieder und laufen parallel in Richtung documenta-Halle. Neuankömmlinge stellen sich an die kürzere der beiden Schlangen an und – landen im Palais Bellevue. Wenn sie bis in den zweiten Stock vorgedrungen sind, stoßen sie auf eine weitere Schlange: Es hat sich in den Sozialen Netzwerken herumgesprochen, dass hier das »Staubsauger-Video« gezeigt wird. Eine der wenigen documenta-Arbeiten, die lustig ist.

Ein Paar hat die Zwei-Schlangen-Struktur verstanden und sich für die Neue-Galerie-Schlange entschieden. Sie sind leidlich vorangekommen, dreißig Minuten in der prallen Sonne sind in etwa vergangen, so genau weiß das keiner mehr wg. wahrscheinlich Sonnenstich.

»Wer hatte eigentlich die Idee, nach Kassel zu fahren?«

»Du!«

»Ich meinte das ironisch!«

»Hilft Dir auch nichts, wir müssen warten.«

»Ich muss überhaupt nichts!«

Vor und hinter dem Paar wird von den Schlänglern interessiert gelauscht: Wer wird gewinnen?

»Du musst nicht, aber Du kannst.«

»Brauchst nicht einlenken, nur weil Du da rein willst.«

»Es soll sich lohnen.«

»Sagt wer?«

»Das art-Magazin, unsere Freunde, vorhin die Leute beim Parthenon.«

»Die Leute beim Parthenon? Von denen lasse ich mir überhaupt nichts sagen.«

»Die machten aber einen kompetenten Eindruck.«

»Pah, was bei Dir schon kompetent ist.«

Die Frau verstummt. Dreht sich ein Stück weg. Die Schlängern zweifeln an der eigenen Kompetenz. Warum überhaupt ist die Neue Galerie wichtig? Die pralle Sonne zermürbt alle.

»Nehme ich zurück. DU bist kompetent.«

»Ach, vergiss es, mach‘, was Du willst.«

Der Mann macht einen Ausfallschritt nach rechts aus der Neue-Galerie-Schlange heraus. Aufstöhnen in der Menge.

»Ich hätte jetzt Lust auf ein schönes, kaltes Bier.«

»Aber dann kommen wir nirgends mehr rein.«

Tag 75: »Wenn das Interesse ist, Kunst schlecht zu machen, dann ist das eben die Herangehensweise«

Diese Scheiß-Freundlichkeit, obwohl man doch gar nicht freundlich ist. Für mich ist das ein aggressiver Akt. Verlogen. Mein Interesse ist es, die Kunst schlecht zu machen. Tja, Freunde, so ist das Leben. Kein Ponyhof. Die Kunst wird schlecht gemacht, heul doch. Gernot Hassknecht wäre stolz auf mich, wir würden zusammen die Kunst ANSCHREIEN.

Ich will mich streiten. Mich aufregen. Meckern. Aber was passiert: Keiner mehr da! Ende letzter Woche endlich dieser Satz: »Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.«  Das ganze Ding hieß »Auschwitz on the Beach«, Performance von Feinsten bei der documenta 14. Konzentrationslager! Gauleiter! Zyklon B! AUSCHWITZ! Ein richtiger Hashtag-Cocktail zum Abrasten. Oh my goodness, wie schön hätte das morgen werden können!

Doch was passiert? Nichts. Absage. Stattdessen:  Eine »partizipative Diskussion über die neuen Gesichter des Faschismus und der aktuellen Politiken der Migration in Europa«. Und: Auftritt der Lösungsbegrüßer. Also die, die die Absage der Performance als Lösung begrüßen.

Da, wieder einer aus dem Chor mit vollem Verständnis für mich, den Kunstbanausen: »Wenn das Interesse ist, Kunst schlecht zu machen, dann ist das eben die Herangehensweise.«

Tag 74: »Ich will ein Bild von Dir neben der Micky Maus«

Mein Sohn schaut genau in die Kamera. Sein Mund ist leicht geöffnet. Seine blaue Mütze sitzt ein kleines bisschen schief. Wie immer mit dem Schirm nach hinten. Vorne quillen seine blonden Locken durch den Verschluss der Mütze. Sein Mund ist leicht geöffnet, zwei Vorderzähne kaum zu sehen. Er trägt eine gelbe Jacke mit einem großen, schwarzen Reißverschluss, der bis nach oben zugezogen ist.

Am interessantesten sind seine Augen. Sie sagen: »Ich bin so stolz, hier zu stehen. Mich kriegt hier keiner weg. Das ist mein Bild. Das ist mein Moment.« Hinter meinem Sohn steht eine Figur mit großen Augen und Ohren, gelber Fliege, roter Hose und Vier-Finger-Händen in weißen Handschuhen, die auf den Schultern meines Sohnes ruhen.

Ich habe einfach auf den Auslöser gedrückt. Erst heute, fast zwanzig Jahren später, schaue ich mir das Foto genau an, empfinde große Freude, dass dieser Mensch auf dieser Erde ist. Daran erinnere ich mich, als hinter mir jemand ruft: »Ich will ein Bild von Dir neben der Micky Maus.«

Tag 73: »Das habe ich Dir so richtig abgenommen«

Wie viele Walks sind eigentlich möglich pro Tag? Drei? Vier? Fünf? Im Moment mache ich sechs Walks an einem Samstag. Dann bin ich heiser. Obwohl wir doch so gar nichts sagen. Nur fragen. Was läuft da falsch, Adam?

Ich habe meinen Namen vergessen. Ich schaue auf mein ChorusChorLegitimationsschild und da ist nur noch eine weiße Fläche. Ich bin niemand, ich habe mich inklusive meiner Identität entlernt. Ich habe es geschafft. Denn, so Adam, »die documenta 14 ist eine Übung der Zerbrechlichkeit« und ich bin zerbrochen. Zerbrochen wie die Glasfahnen von Costas Varotsos im Zwehrenturm.

»Dies ist eine einzigartige Bemühung, die nach einer gleichermaßen vielschichtigen Reaktion und nach mannigfaltigen Formen der Rezeption verlangt.« Sagt Adam und kann mich hier auf dem Friedrichplatz in meiner mannigfaltigen Form der vollkommenen Selbstaufgabe betrachten: Ich bin nicht Teil des Chors, ich bin Chor. Ich löse mich dann auf und bin ein Buch im Regal von Maria Eichhorn in der Neuen Galerie. Bin die Knarre bei Regina José Galindo im Stadtmuseum. Und die Frau, die vor dem Panzer weg läuft. Eine Faser im rosa Hassabi-Teppich. Verbranntes Holz von Andújar. Das letzte Stück Tofu in der Fabrik. Eine Glasscheibe von Yael Davids. Ein Stück Mahama-Kohlesack. Knorr-Rauch. Minke-Lehmziegel. Cool-Balducci-Klebeband. Galván-Elche-Romero-Münze. Geers-Stacheldraht. Eine Blume in der Denes-Pyramide.

Ich reiße mir die Gauri-Gill-Maske herunter und bin Arnold Bode. Ich fühle das gerade sehr stark.

Ich bin alles und nichts. Noch eine Aufnahme, ich schaue in das Smartphone, der Kameramann wartet auf mein Chor-Statement: »Eigentlich wollte ich auf die Osterinseln, bin dann aber in Kassel gelandet.«

»Das habe ich Dir so richtig abgenommen.«

Tag 72: »Können wir uns wieder auflösen?«

Ben hasst Gruppen. Was wiederum ein guter Grund ist, Teil einer Gruppe zu sein. Temporär. documenta-temporär, unter Aufsicht eines Chorleiters. Ben als Teil eines Chors, das amüsiert Ben. Sie müssen nicht singen, da hat Ben zu große Erwartungen projiziert. Singen wäre für Ben das Größte. Diese Gruppen sprengen, wenn Ben singt. Eine der leichtesten Übungen für Ben: Die größtmögliche Sprengkraft entwickeln in der minimalmöglichen Zeit. Bens Schätzungen lagen bei einskommafünf Minuten. Volle Parthenonpower. Just singin‘ in the rain. What a glorious feeling. I’m happy again. Ben ist happy again. Allein vom Gedanken ans Singen. Sprengkraftsingen.

Ben liebt Groucho Marx. Denn Groucho Marx hatte dem Friars Club seinen Austritt telegrafiert: »I don’t care to belong to any club that will have me as a member.« Das trifft es für Ben genau. Das ist groß. Die Höchststrafe für Ben: Schatzmeister in einem Verein. Mit wöchentlichen Sitzungen und anschließendem gemütlichen Beisammensein. Neujahrsempfang, Sommerfest und Mitgliederversammlung im Herbst. Weihnachtsfeier! Wichteln! Das einzig positive: Singen.

Jetzt, kurz nach dem Regen, ist es wieder Zeit für Bens Satz. Er stellt sich hin, dass alle in der Gruppe ihn gut sehen – und hören: »Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt. Können wir uns wieder auflösen?«

Tag 71: »Die meisten wollen ja echt weg aus Kassel«

Zwei Frauen machen eine wohlverdiente documenta-Pause.

»Ich schreibe vielleicht noch meine Doktorarbeit.«

»Wie alt bist Du denn?«

»24.«

»Und Du?«

»27.«

»Ich will dafür aber nur sechs Monate brauchen.«

»Hm.«

»Und danach ins Ausland.«

»Hm.«

»Australien wär’s.«

»Hm.«

Aber waren die beiden überhaupt auf der documenta? Die Tüten sehen eher nach Shopping aus. Zumindest verweilen sie im »Dépanneur«, das ist das documenta-»Pop-Up-Bistro«. Also ein »Pannenhelfer« in einem »temporär geöffneten Restaurant, wo von einem vorher nicht bekannten Koch an einem kurz zuvor bekanntgegebenen Ort ein sehr gutes Gastronomie-Angebot offeriert wird«. Wissen die beiden, an welch‘ bedeutendem Ort sie sind?

»Ich finde es ja toll, wenn man, was eigentlich ein Hobby ist, als Beruf machen kann.«

»Hm.«

Die beiden sind irgendwas mit Ärztinnen (diesen Dialog überspringen wir). Sie sprechen bei der Erfüllung nicht von sich. Sie sprechen von einem Freund, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Ohne Doktorarbeit? Ohne Australien? Wie alt ist er? Auch Arzt? Auch hier? Wir können nicht bleiben, wir wollen echt weg, die Gin-Tonics sind ausgetrunken, wir verlassen die Terrasse, draußen lockt das Parthenon –  nass vom Regenguss – mit aufregenden Spiegelungen. Im Ohr verklingt der Dialog.

»Bleibst du eigentlich hier?«

»Die meisten wollen ja echt weg aus Kassel.«

Tag 70: »Muy bien«

Ich kann nichts dafür, dass ich die documenta liebe. Schon mit 18 Monaten war ich in Kassel. Dann immer wieder. Ich habe das documenta-Gen, meine Eltern sind schuld. Vielleicht auch die Freunde meiner Eltern, von denen wird manchmal erzählt. Alle fünf Jahre muss ich hierher. Schon seit 30 Jahren oder sind es 40? Wie eine Sucht. Oder eine Suche?

Ich bin extrem clever, ich denke in spanisch und deutsch gleichzeitig. Linke Hirnhälfte spanisch, rechte Hirnhälfte deutsch. Kleiner Scherz. Das mit den Hirnhälften. Und dem Clever-sein. Meine Synapsen knallen nur so durch mein Hirn, das war schon immer so. Discúlpeme.  Mea Culpa. Sorry. Entschuldigung. Ich sehe einmal hin und, zack, kann ich es. Hat mit Clever-sein nix zu tun, ich bin so. Stehe mit meinem Namen ja schon im alten Testament: Erleuchteter. Also: Was wollen Sie? Es musste einfach so kommen.

Vielleicht bin ich auch einfach nur gelobt worden. Das scheint ja zu helfen. Ich erinnere mich wirklich an meine erste documenta. Ich lache als meine Mutter sagt: »Muy bien«

(Danke an meinen Vater für das Foto von damals)

Tag 69: »Das hier ist alles so …. durch« 

Söhne kämpfen bei ihren Vätern um Anerkennung. Seit Generationen. Um zu erkennen, dass sie die Anerkennung nicht bekommen. Nicht bekommen können. Sich schließlich selbst anerkennen für das, was sie sind. Wie sie sind.

Darum weinen, dass das Kindsein vorbei ist. Manchmal: leider vorbei ist. Denn das Kind ist ja noch da. So wie früher soll es sein. Ist es dann nicht mehr. Sich schließlich selbst anerkennen für das Kind im heute.

Der Liebe den Raum geben. Darum weinen, dass die Liebe den Raum erobert und wir so wenig verstehen, was passiert. Sich schließlich selbst anerkennen, geliebt zu sein und zu lieben.

Das Mädchen bei Holzapfel erinnert mich an mich selbst als junger Erwachsener auf der Suche: »Das hier ist alles so …. durch.«

(Ist es nicht. Es bleibt.)

Tag 68: »Da mach‘ ich mir gar nicht die Mühe, das zu lesen«

»Daybook. Kunstforum International. Artforum. Kunstzeitung. Art Spezial. Reader. Flash Art. Monopol. South Magazine. Art in America. Art Bulletin. Weltkunst. Elephant. Artmapp. Frieze. Wieder nur die ersten drei Worte eines Satzes gelesen. Im Text gesprungen. Weiter gelesen. Zwei Worte. Ein Wort. Hochgeguckt und geschaut. Tatsächlich etwas gesehen. Geatmet. Es ist tatsächlich etwas da. documenta-da. Schön. Da mach‘ ich mir gar nicht die Mühe, das zu lesen.«

Tag 67: »Ich weiß nicht, was mich geritten hat«

Ich darf nur flüstern. Das ist die Kunst. Nach einem ausgeklügelten Plan gehen wir durch die Stadt.  Wir haben neunzehn verschiedene Laufwege. Kassel School of Art and Design, Car parking in Front of Kunsthochschule. Zum Beispiel dort. Wir flüstern. Nur das. Mit einem transportablen Lautsprecher. Wenn uns Besucher ansprechen, antworten wir nicht. Auch wenn wir nur nach einer Toilette gefragt werden. Niemals antworten. Konzept.

Wenn ich abends nach Hause komme, ist es unmöglich, noch laut zu reden.  Mein Mann kennt das schon. Ich nicke, aber meist schüttele ich nur den Kopf. Diese documenta wird mich langsam aber sicher verrückt machen. Am liebsten würde ich nur noch flüstern. Zu mir selbst flüstern. Keine Antworten mehr geben müssen. Manchmal denken die Leute, ich wäre heiser. Wenn ich flüstere. Ich lasse es dabei. Ich erkläre es nicht mehr.

Was tue ich, wenn ich nicht mehr flüsternd durch die Stadt ziehe? Ich habe keine Ahnung. Was macht danach überhaupt noch Sinn? Ich glaube, ich werde verstummen. Ganz.

Ich lese zur Beruhigung die Notizen von Pope L: »Ich war seit mehreren Tagen im Aufnahmestudio gewesen, deshalb entschied ich mich, einen Spaziergang zu machen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat.«

Tag 66: »Ich kann nicht so lange warten, nicht so wie du« 

Ganz allein im Park. Dunkel. Überall knistert es. Überall sind Tiere. Ich höre das. Ich will das nicht hören.

Ich höre Stimmen. Ich werde wahnsinnig. Überall sind hier Stimmen. Ich will das nicht hören.

Die Frösche quaken. Hier gibt es keine Frösche. Ich weiß es genau. Ich will keine Frösche quaken hören.

Ich stolpere. Ein Schild. Ich will nicht stolpern. Ich will kein Schild lesen. Doch ich muss. Ich lese von einer »16-Kanal-Sound-Installation«. Ich muss lachen. Ich will nicht lachen. Nicht jetzt.

Ich warte darauf, dass etwas passiert. Mich jemand erlöst. Bitte. Unter dem Reisig flüstert es: »Ich kann nicht so lange warten, nicht so wie du.«

Tag 65: »Doch«

Die Familie packt die Fahrradsatteltaschen . Nur noch das Ausflugsziel muss bestimmt werden.

»Es wird gerade wieder warm – Schwimmbad?«

»Au ja.«

Vater und Sohn sind sich einig. Die Mutter hat andere Pläne.

»Heute schauen wir Kunst. In der Karlsaue.«

Was Vater und Sohn vergessen hatten: Die Mutter hat heute das Vorschlagsrecht. Die letzten beiden Ziele waren – Schwimmbad.

»Ich habe mir schon einen Plan besorgt. Wir können alles sehr gut mit den Rädern erreichen.«

»Na, das ist doch prima. Dann sind wir schnell durch.«

Falsche Antwort. Ohne ein Wort fährt die Mutter los, trainiert durch eine Woche Bodenseerfahrradrundfahrtäglichsechsundneunzigkilometern.  Sie erreichen nach einem Sprint das Holzgerüst des Künstlers Olaf Holzapfel. Die Mutter ist entzückt.

»Das ist mal Kunst.«

»Das ist mal keine Kunst.«

»Doch!«

»Ist astreines Handwerk. Sieht man doch.«

»Seid wann ist Handwerk keine Kunst.«

»Kunsthandwerk.«

Die Mutter ist einigermaßen perplex. Ihr Mann scheint sich auszukennen. Sie legt eine Schippe drauf.

»Der Künstler spielt genau mit diesen Elementen. Er hat tiefes Interesse am Zusammenspiel zwischen Natur und Kultur, Mensch und Landschaft – Ursprung jener Art von Grenzen, die unser kollektives Zugehörigkeitsgefühl und unsere kollektive Identität prägen. «

Tja, Vorbereitung ist alles. Triumph in Mimik und Gestik.

»Ist bestimmt wieder das Geschwurbel von Schimschick.«

»Euch kann man nirgendwo mit hinnehmen.«

»Doch!«

Tag 64: »Das ist eine beseelte Geschichte«

Er log nicht. Er sagte nur nicht alles. Um sie nicht zu verletzen. Mit seinem Kreisen um sich selbst nicht zu verletzen. Weil er nach den Jahren immer noch nicht verstand, was geschehen war. Mit ihm geschehen war. Er geschehen lassen hatte. Er geschieht. Um in dieser Welt bestehen zu können. Da sprach das Kind aus ihm. Was ihn immer noch begleitete. Auf sein Recht pochte, gesehen zu werden.

Was er nun fühlt: Er liebt. Nach diesen Jahrzehnten fühlt er dies zum ersten Mal in einer Form, die ihm vorher unbekannt war. Oder überdeckt war. Er vermisst sie. Er sorgt sich um sie, wenn sie im Regen auf der Autobahn ist. Er schaut sie an, wenn sie schläft. Er freut sich, wenn sie aufsteht am Morgen. Er kocht für sie. Schläft neben ihr ein. Sucht in der Nacht ihre Hand. Findet sie.

Er liebt sie. Aufrichtig. Jetzt kann er sagen: »Das ist eine beseelte Geschichte.«

Tag 63: Wir glauben, dass wir das, was wir zu wissen scheinen, entlernen müssen«

Meine Name ist Thomas Mars, ich bin der Leadsänger der Gruppe »Phoenix«. Ich habe ein Geständnis zu machen.

Während der gesamten documenta-Zeit habe ich meinen Freund Adam Szymczyk als Double in Kassel vertreten! Das tut mir sehr leid, es ist ein Betrug, aber es war so. Adam war in einer Notlage, denn er musste zwei Ausstellungen organisieren. In Athen und in Kassel. Tausende Kilometer voneinander entfernt. Er musste zudem auch noch mit Aegean Airlines® fliegen, die sind so viel langsamer als NetJets®. Die Sponsoren, ihr wisst schon. Das Konzept mit den zwei Orten gleichzeitig hatte Adam bei seiner Bewerbung präsentiert und dann gab es kein Zurück mehr. Der Bürgermeister wollte das unbedingt machen. Und ist jetzt in Pension.

Ich verstehe die Idee von Adam so gut. Man will im Leben so oft zu viel. Ich habe ihm geholfen, das war Ehrensache. Auch bei der Pressekonferenz in Kassel, auch beim Bundespräsidenten. Beide Male habe ich mich extrem unwohl gefühlt. Das habt ihr sicher gesehen. Aber es ging nicht anders. In »Trying to be cool« habe ich es auch besungen und ich singe es jetzt noch mal nur für dich, Adam: »Cool, I’m just trying to be cool, It’s all because of you«. Der Coolste bist du und du weißt das auch. Es gibt keinen Besseren als dich. Entschuldigung auch an Annette: Wir hatten einen so schönen Abend und ich konnte dir nicht sagen, dass ich ein Anderer bin!

Ich höre auf. Das verspreche ich hiermit. Im Gloria-Kino war der letzte Auftritt. Ich bitte auch meine Fans um Verzeihung, dass ich so lange nicht auf der Bühne gestanden habe. Ich sage nur noch ein einziges und letztes Mal diesen wunderbaren Satz: «Wir glauben, dass wir das, was wir zu wissen scheinen, entlernen müssen.«

(Hier noch ein BIld von mir, dann seht ihr den Unterschied:
http://media.bodaclick.com/img/img_reportajes/12mil/47dec/12474_1314690446_4e5c958e450cb.jpg)

Tag 62: »Bis hier Hund und da Mensch« 

Darf ich auch mal was sehen? Alles hängt so hoch. Und riecht immer gleich. Oder nach gar nichts, weil`s in Plastik verpackt ist. Da ich anständig erzogen bin, hinterlasse ich auch keine Markierungen an den Kunstwerken. Ich darf sowieso nirgendwo rein. Habe ich gerade in der Hausordnung gelesen, die ist in 6 Punkt geschrieben, wer macht denn sowas? ICH kann das lesen, aber ihr?

Wir waren schon beim letztem Mal da, da hatten wir einen extra Hundeplatz! Und Wahlrecht! Und diese Frau, die alles gecheckt hat, einen Malteser auf dem Arm. Darsi! Ich war gleich verknallt. Und jetzt: Nischt! Mein Frauchen hat auch noch schlechte Laune gehabt, als sie aus dem Museum kam. Ich werde über den Rasen gezerrt, das macht sie echt sonst nie. Angeflaumt auch noch. Ich habe doch brav gewartet. Na gut, einige Blödmänner verbellt. Aber von gefühlt achtzig Kindern streicheln lassen. Von Erwachsenen auch. Die immer in dieser Kindersprache mit mir reden. Kenn ich schon, finde ich mich mit ab und notiere es abends in mein Tagebuch.

Wir sollten auf diese dOGUMENTA gehen. Nach New York. Mit einer Skulptur zum anpinkeln. Kunst aus Hundekuchen. Knochengerüste. Und Terrier Rocky ist Kurator. Hach.

Ein Anfang immerhin – die Frau zeigt auf ein Bild und spricht mir aus der Seele: »Bis hier Hund und da Mensch.«

Tag 61: »Wir machen jetzt mal eine Pippi-Pause, auch für mich«

»Die documenta 14 sucht engagierte Personen, die Interesse haben, mit den Besucher_innen eine offene Diskussion über zeitgenössische Kunst zu führen.
Die Mitglieder des Chors verbinden die Besucher_innen mit der documenta 14. Ihre Aufgabe ist es, auf die Interessen und Bedürfnisse der Besucher_innen einzugehen sowie Dialoge, Diskussionen und Debatten anzustoßen, die sich in der Auseinandersetzung mit den Arbeiten der documenta 14 sowie damit verbundenen soziopolitischen und geografischen Kontexten ergeben. Während der Chor traditionell eher im Theater verortet ist, wo er mit einer gemeinsamen Stimme spricht und agiert, sollen die Besucher_innen der documenta 14 gemeinsam mit den Mitgliedern des Chors einen neuen, vielstimmigen Zugang entwickeln. Bewerber_innen für den Chor sollten offen und freundlich sein, enthusiastisch sehen, zuhören und nachforschen können, gern diskutieren, sich mit anderen austauschen und Konzepte zeitgenössischer künstlerischer Praxis hinterfragen.«

Choristen erklären ja nicht viel, sie fragen uns immer. Aber manchmal, ganz manchmal, das sagen sie auch etwas erleichterndes: »Wir machen jetzt mal eine Pippi-Pause, auch für mich«

Tag 60: »Das müsste der kirchturm sein mit dem müll von der stadt kassel«

Hallo und danke erstmal euch allen für die tollen wünsche und grüße. Ihr seid wunderbar. Heute geht es unserer bezahlten partnerschaft um den tollsten webshop der 🌎 welt. Ich stelle euch die DOCUMENTA mit ihren wunderbaren produkten vor: https://shop.documenta.de/. Alles ist künstlerisch random wertvoll, vom documenta-rucksack bis zum documenta-strandtuch. Ich weiß ja nicht so genau, was documenta eigentlich heißt, aber ist auch egal. Die produkte sind wirklich toll. Das habt ihr noch nicht gesehen. Wirklich megatoll.

Habt ihr euch schon überlegt, mal bier zu trinken, richtiges kunstbier? Es gibt ein documenta-bier! Von einem richtigen documenta-künstler. Aus afrika! Er hat die ganz viele leute gefragt, wonach afrika schmeckt und das in das documenta-bier reingetan. Absolut unglaublich. Grosses sorry an afrika, da könnt ihr das noch nicht kaufen. Kein scherz.

Ich spaziere übrigens nur noch in documenta-socken durch meine wohnung. Um meinen esstisch stehen diese crazy documenta-hocker und wenn es regnet, habe ich meinen documenta-athens-kassel-rain-poncho immer griffbereit. Er ist soooo bequem und soooo praktisch. Ach und auf dem tisch liegt die documenta-tischdecke zum AUSMALEN. Ja, ihr habt richtig gelesen, zum AUSMALEN. Das ist jetzt mal wirklich eine tolle idee von diesem wunderbaren documenta-team. Dazu gibt es auch stifte als tisch-set zum AUSMALEN, sehr kreativ gedacht ist das. Verrückt. Sehr viele tolle teile.

Tattoos sind ja eigentlich echt nervig, aber das documenta-tatoo-Set »Eule« ist  d a s  give -away. Ihr könnt es jederzeit wieder ABWASCHEN, das finde ich wirklich wahnsinn. Megascharf ist auch der gürtel mit einer »14« drauf, das ist eine tolle zahl. Und es gibt die documenta-BASECAP 14, wow. Wieder mit dieser tollen zahl. Oder wollt ihr lieber die documenta-basecap »Eule« kaufen? Das ist so ein schönes tier und diese documenta-leute haben es überall draufgedruckt, superselten, supersinnlos.

So, das war es für heute von mir. Lebt euer LEBEN leute, relaxed euch, habt spaß mit den documenta-sachen. Ich rede jetzt noch mit meinen katzen. Und ich bastele mir jetzt noch den wunderbarsten spruch von einem wunderbaren documenta-besucher überhaupt auf meinen echt merkwürdigen documenta-kaffeebecher: »Das müsste der kirchturm sein mit dem müll von der stadt kassel«

#ad #collaboration #bezahltepartnerschaft #influencer #anzeige #advertisement #werbung

Tag 59: »Nur ne Sekunde, ich möchte mal ohne Menschen«

Auf dem Campingplatz. Nur ein Zelt ist aufgebaut. Jeder will drin sitzen.

»Jetzt zur ewigen Erinnerung.«
»Papi, du gehst ins Bild!«
»Das hast du alles geknipst?«
»Könnten Sie mal nen Meter vorgehen?«
»Jetzt Angelika, los, keiner da.«
»Ganz anders als im Bahnhof.«
»Nehmen Sie mal Platz.«
»Ich möchte ein bestimmtes Bild machen.«
»Die Männer müssen weg.«
»Du musst rein.«
»Da hat man mal ne andere Perspektive.«
»Ich denke, du wolltest da rein?«
»Ich möchte meinen Mann auch noch fotografieren.«
»Bleib noch einmal.«
»Jetzt drück mal drauf.«
»Zu dunkel!«
»Ich schalt noch mal aus und dann wieder ein.«
»Vorne drehen, dann kommts näher.«
»Von innen sieht man nix.«
»Gehst du mal aus dem Bild?«
»Sieht man doch gar nicht, ob du schon eins gemacht hast.«
»Warte mal, mehr ins Zelt, super.«
»Wir wollen da auch rein.«
»Das ist was eigenes.«
»Das hier ist mein Bett.«
»Wir wollen mal mit Zelt.«
»Aber bitte, bleib still.«
»Hermine, keiner drin, jetzt du.«
»Bitte lächeln.«
»Wollen se mal nen Schläfchen machen?«
»Das ist ja die Devise von dem Szymczyk: angucken, dabei reden, dann sich gegenseitig respektieren und nicht dabei aufeinander schießen.«
»Aber die Leute schießen doch, sehnse und jetzt sie auch.«
»Auf der Flucht nach Kassel.«
»Vorne ein schöner Ausblick.«
»Zu dritt geht es nicht.«
»Jetzt hammse Panorama eingestellt.«
»Schon jemand eingezogen?«
»Das ist kleiner, als man denkt.«
»Da haben wir jetzt nichts von Athen gelernt.«
»Nur ne Sekunde, ich möchte mal ohne Menschen.«

Tag 58: »Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flußufers bei den Booten, im Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf«

#BücherklauAmParthenon9

Tom, der Polizist von der mobilen Wache, ist genauso früh am Parthenon wie Jeremias.

»Was Neues vom Bücherdieb?«
»Ach, die paar Bücher, die ersetzen wir gleich wieder am nächsten Tag.«
»Trotzdem muss er gefasst werden.«

Das sagt Tom in einem väterlichen Ton. Obwohl er doch der Sohn von Jeremias sein könnte. Ahnt er etwas?

»Hey J., hast Du irgendwie Probleme, bist du im Stress?«
»Stress beim Bewachen von Büchern?«
»Ich meine ja nur. Die ganze Woche beobachte ich dich schon, redest Du mit dir selbst?«

Jeremias dreht sich um und geht. Er will nur noch mit Henriette reden. Aber sie ist weg. Aus seinem Leben verschwunden. Er kann ihre Stimme nicht mehr hören.

Auf seinem Rundgang sieht er seine Kollegen mitten im Parthenon. Er geht zu ihnen. Sie stehen zusammen, was eigentlich nicht erlaubt ist. In der Mitte ihres Kreises steht eine Kiste voller Bücher. Jeremias ist entschlossen, diesmal ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. Ein Buch, dass er nicht gestohlen hat, sondern das Buch aus der Kiste ganz oben. Das ist für ihn. Er bekommt ein Exemplar noch am gleichen Tag in der Buchhandlung gegenüber, die Buchhändlerin überreicht es ihm fast feierlich.

Jeremias ist unterwegs, meinetwegen zu sich selbst und seiner Lust am Lesen, für deren Entdeckung er dreißig Jahre seines Lebens gebraucht hatte. Er blättert zur ersten Seite:

»Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flußufers bei den Booten, im Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf, der schöne Sohn des Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit Govinda, seinem Freunde, dem Brahmanensohn.«

Tag 57: »Nicht lange, nachdem meine Frau und ich uns getrennt hatten, traf ich Dean zum ersten Mal«

#BücherklauAmParthenon8

Henriette ein kleines Mädchen, dass allein in einer Villa wohnt? Als Kind sah er die Filme wieder und wieder und, klar, Tommy war sein Favorit. Heimlich hatte er dieses Mädchen bewundert.

Jeremias fragt Henriette ganz direkt am nächsten Tag.

»Das bist du, die Pippi Langstrumpf?«
»Nein, das bist Du.«
»Wie kann ich das sein?«
»Weil Du Dir die Welt so machst, wie sie Dir gefällt.«
»Da ist was dran.«
»Wenn Du mit Mädchen nicht so gut klar kommst: Ich habe noch ein Männerbuch für Dich.«

Es ist ganz außen an einer der Säulen, durch die dicke Folie kaum zu sehen. Und doch strahlt es. Als Jeremias es spät in der Nacht aufschlägt, treffen ihn die ersten Zeilen wie ein Schlag:

»Nicht lange, nachdem meine Frau und ich uns getrennt hatten, traf ich Dean zum ersten Mal.«

Tag 56: »Am Rand der kleinen, kleinen Stadt lag ein alter verwahrloster Garten«

#BücherklauAmParthenon7

Das Buch von K. hat Jeremias verwandelt. Schon nach einer Seite, noch in der Nacht spürt er, wie die Worte ihn verändern. Er ist ein Entschlossener geworden: Er muss Henriette wiedersehen. Er braucht sie – und ihre Bücher.

Wie immer ist sie einfach da. Sie sitzt auf den Stufen des Fridericianums. Er geht auf sie zu, will sie ansprechen, doch sie sagt den ersten Satz.

»Sie haben sich in die Falsche verliebt.«
»Wollen wir nicht ‚Du‘ sagen?«
»Du hast Dich in die Falsche verliebt.«
»Ich pflege mich nicht zu verlieben. In die Falsche schon gar nicht.«

Wie schön, dass sie da ist. Egal, was sie sagt, es ist gut, Henriette zuzuhören.

Sie gehen ein Stück zum Parthenon. Gleich vorn bleiben sie stehen. An einem Buch. Henriette berührt das Buch kurz und doch irgendwie innig. Im Schein einer Straßenlaterne liest Jeremias später den ersten Satz:

»Am Rand der kleinen, kleinen Stadt lag ein alter verwahrloster Garten.«

Tag 55: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt«

#BücherklauAmParthenon6

Das Kaninchen verfolgt Jeremias. Oder verfolgt er es? Ganz verwirrend ist diese erste Seite gewesen. Henriette muss ihm mehr davon erzählen, denn er schafft es nicht, weiter zu lesen. Er schläft so gut wie gar nicht mehr.

Der Parthenon brennt. Es brennt lichterloh. Die Sicherheitsleute versuchen, die Bücher zu retten. Gleichzeitig müssen sie Besucher zurückhalten, die dasselbe tun wollen. Dann müssen sie aufhören, es ist zu gefährlich. Jeremias schaut mit blanken Entsetzen auf die Szenerie, aller voller Feuerwehr, voller Krankenwagen, Polizei.

»Hallo?«

Aus großer Entfernung dringt die Stimme an sein Ohr.

»Hallo, sind Sie da?«
»Ja, ich bin da.«
»Sie sahen so entrückt aus.«
»Ich stelle mir manchmal den größtmöglichen Unfall vor.«
»Und der wäre?«
»Das sage ich lieber nicht.«

Henriette balanciert einen Stapel Bücher. Jeremias war wieder zurück. Bücher brennen nicht mehr auf dem Friedrichsplatz. Punkt.

»Können Sie mir helfen?«
»Klar. Wo haben Sie die denn her?«
»Aus dem Keller meines Großvaters. Alles fein säuberlich seit über 70 Jahren in einer Kiste verpackt.«
»So alt?«
»Wahrscheinlich schon vor Kriegsende eingelagert. Mein Großvater war Buchhändler, in jedem Buch liegt eine Karte mit Datum.«
»Lassen Sie mich raten: verbotene Bücher?«
»Alle waren verboten damals, das war leicht herauszubekommen.«
»Wollen Sie sie spenden?«
»Sie sollen hier einen würdigen Platz bekommen.«

Am Abend findet Jeremias am Parthenon das Buch, was auf Henriettes Stapel ganz oben lag und schlägt die erste Seite auf:

»Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.«

Tag 54: »Alice war es allmählich leid, neben ihrer Schwester am Bachufer stillzusitzen und nichts zu tun«

#BücherklauAmParthenon5

Jeremias will auch reisen, sich endlich erholen, in einer Schmalspurbahn sitzen. Wie der Pflegesohn Hans dort. Er fühlt sich allein und merkt, dass sich die Menschen in Büchern oft allein fühlen. Was hat er bisher verpasst, weil er nichts gelesen hat?

Als es dämmert, beschließt er, Henriette systematisch zu suchen. Bei einem Sicherheitsmann ist dies wörtlich zu nehmen. Sie macht es ihm leicht und steht an einer der Parthenon-Säule. Lächelt ihn an. Er lächelt nicht zurück.

»Dann lag ich mit meiner Buchempfehlung daneben?«
»Vielleicht nicht bei Büchern, aber bei Ihren Gewohnheiten.«
»Meine Gewohnheiten?«
»Ich bin ein korrekter Mensch und ich glaube, Sie auch. Und korrekte Menschen haben Gewohnheiten. Sie sind sonst jeden Abend da.«
»Sie verfolgen mich? Das ist ja krass. Ich wollte nur freundlich sein. Lassen Sie mich in Ruhe.«

Sie läuft direkt durchs Parthenon zum Buchladen von König, Jeremias hinterher.

»So war es nicht gemeint.«
»Wie war es denn gemeint?«
»Ich mag Ihre Bücher.«
»Und?«
»Ich mag Sie, wie Sie die Bücher betrachten.«
»Und Sie mögen es, andere dabei zu beobachten?«
»So ähnlich. Heute Abend fehlt mir noch ein Buch.«
»Schauen Sie mal da ganz links an der Säule in Brusthöhe. Das blonde Mädchen.«

Sie verabschieden sich. Jeremias findet das Buch sofort. In der Nacht schlägt er es auf:

»Alice war es allmählich leid, neben ihrer Schwester am Bachufer stillzusitzen und nichts zu tun; denn sie hatte wohl ein- oder zweimal einen Blick in das Buch geworfen, in dem ihre Schwester las, aber nirgends waren Bilder oder Unterhaltungen abgedruckt – „und was für einen Zweck haben schließlich Bücher“, sagte sich Alice, „in denen überhaupt keine Bilder oder Unterhaltungen vorkommen?“«

Tag 53: »Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen«

#BücherklauAmParthenon4

Was für ein schönes Buch, fast hätte er noch eine Seite geschafft. Bei seinem Tempo aber unmöglich. Er leidet genauso wie dieser W., da hat Henriette richtig getippt.

Tom kommt vom Polizei-Container herüber.

»Hey J, was geht? Liest Du jetzt Bücher?«
»Ich und Bücher. Nee.«
»Könnte schwören, Dich gesehen zu haben. War aber schon dunkel und ihr habt ja alle dieselben Jacken an.«
»Würde mich wundern, wenn bei uns überhaupt jemand liest.«
»Ihr sollt ja auch bewachen. Da könnt ihr übrigens noch besser werden, es fehlen nämlich Bücher.«
»Ist mir nicht aufgefallen.«
»Na ja, ich gucke von hier drüber direkt auf eine leere Hülle.«

Jeremias nickt nur kurz. Das Unbeteiligste, was sich ein Sicherheitsmann einfallen lassen kann.

Henriette ist an diesem Abend nicht zu sehen. Was ist geschehen, Jeremias braucht doch ein neues Buch. Was gäbe er jetzt für einen Tipp. Nach langem Suchen findet er ein Buch, der Buchumschlag gefällt ihm. Das Rausschneiden beherrscht er bereits perfekt, er beginnt zu lesen:

»Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen.«

Tag 52: »Wie froh bin ich, dass ich weg bin«

#BücherklauAmParthenon3

Was hat er mit diesem Holden Caulfield zu tun? Was will die Frau damit andeuten? Jeremias wundert sich, dass Caulfield überhaupt etwas aufschreibt. Der hat genauso viel Probleme mit den Lehrern wie er damals. In der Schule galt Jeremias einfach nur als dumm. Weil er nicht lesen lernen wollte und einfach was auswendig daher sagte.

»Und, haben Sie schon gelesen?«

Jeremias steht sofort unter Schock. Die Frau hat sich ihm von hinten genähert. Oder hat sie sich angeschlichen? Er lächelt schief, er muss etwas sagen.

»Nur die erste Seite.«
»Dann hat es Ihnen nicht gefallen?«
»Doch, sehr sogar. Ich lese aber nur langsam.«
»Ah, wie John Franklin im ersten Buch.«
»Genau so.«

Jeremias kann es nicht fassen. Sie ist so freundlich mit ihm. Wann war jemand mal so freundlich mit ihm gewesen?

»Ich heiße übrigens Henriette.«
»Jeremias.«
»Das ist ein schöner Name.«
»Ihr Name ist auch schön.«
»Wollen Sie das Buch weiterlesen?«
»Bin mehr so der erste-Seite-Leser.«

Henriette lacht, nickt und geht mit Jeremias zu einer anderen Parthenon-Säule.

»Das ist ein mein Lieblingsbuch mit der besten ersten Seite der Welt.«

Jeremias hätte das Buch fast vor ihren Augen aus der Folie geritzt. Gerade kann er sich noch beherrschen, am Abend hält er es in den Händen:

»Wie froh bin ich, dass ich weg bin.«

Tag 51: »Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen« 

#BücherklauAmParthenon2

Jeremias hasst es, lesen zu müssen. Er ist so langsam damit. Doch dieser John Franklin gefällt ihm, er ist ja auch langsam. Die erste Seite hat Jeremias letzte Nacht geschafft, mit unendlicher Mühe hat er sich Wort für Wort voran gerobbt. Wie gerne würde er erfahren, wie es mit John weitergeht. Das Buch versteckt er am Morgen in einer der Röhren.

Wenn er nicht liest, versteht er die Frau nicht, die er liebt. Was will sie ihm mit diesem Buch sagen. Dass sie langsame Menschen liebt?

Er sieht sie am nächsten Tag im Parthenon. Wie immer schaut sie auf ein Buch. Wie in Trance geht er die Stufen nach oben. Er stolpert, stürzt der Frau vor die Füße. Das Buch, sein Buch, rutscht aus der Jacke. Schnell hebt er es auf, die Frau sieht es noch.

»Ach, wenn Ihnen das gefällt, sollten auf jeden Fall auch das lesen.«

Sie deutet auf ein Buch knapp über ihrem Kopf. Jeremias merkt sich ganz genau, wie es aussieht. Er nickt nur, lächeln geht überhaupt nicht. Er verschwindet auf der anderen Seite.
Jeremias wartet auf das Ende der langen Büchernacht, schneidet in der Dunkelheit das Buch geräuschlos aus Folie und schlägt die erste Seite auf:
»Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.«

Tag 50: »John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte«

#BücherklauAmParthenon1

Jeremias klaut Bücher. Obwohl es doch als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma seine Aufgabe ist, die Bücher zu bewachen.

Die Besucher haben sich schon gefragt, warum am The Parthenon of Books der Künstlerin Marta Minujín immer noch Bücher fehlen, obwohl doch jeden Tag welche aufgehängt werden. Weil: Jeremias stiehlt die Bücher. Denn er liebt eine Frau, die Bücher liebt.

Die schönste Frau der Welt steht an einer Parthenon-Säule und betrachtet lange ein einziges Buch, in Folie eingeschweißt. Jeremias betrachtet die Frau, er kann nicht anders. Als sie endlich geht, beschließt er, das Buch aus der Folie zu schneiden und an sich zu nehmen.

Er ist in der Nacht als Einziger zur Bewachung eingeteilt, ohne Mühe gelingt sein Plan. Noch am Tatort schlägt er die erste Seite auf und beginnt zu lesen:

»John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte.«

Tag 49: »Ich hab‘ mir ein gemütliches Bett geschaffen«

Und wenn ich jetzt ein Flüchtling bin? Ich habe beschlossen, das auszuprobieren. Hier in diesem Kunstwerk voller Röhren.

Auf ihrer Flucht haben die Leute in Röhren geschlafen, es war der beste Schutz. Ich fühle mich auch geschützt. Obwohl wir hier mitten auf einem Platz sind. Und alles offen ist. Die Menschen vorbeigehen. Mich anschauen. Aber eben nur solange, wie ich vorne rausschaue. Wenn ich nach innen krieche, verschwinde ich. Ich bin froh, dass hier auszuprobieren. Jetzt werde ich hier schlafen.

Zwei Monate später stehe ich wieder hier, betrachte meine Röhre, denke daran, wie es war, hier zu sein. Jetzt bin ich Teil eines Kunstwerkes. Und tatsächlich: »Ich hab‘ mir ein gemütliches Bett geschaffen.«

Tag 48: »Och, das macht Dich krank oder?« 

Ich habe eine ganz besondere Erfindung gemacht. Mein Gerät pulverisiert Smartphones in einem Radius von 350 Metern. In Gebäuden ist es etwas weniger, um die 200 Meter. Es zerstört aber nur die Telefone, die den Abstand zu Menschen und Objekten von 40 Zentimetern unterschreiten. Wir reden hier echt von 40 Zentimetern!

Ich erlebe Handybesitzer, die bei einer Performance in der Neuen Galerie ihr Gerät im Abstand von 20 Zentimeter vor die Künstlerin halten. In der Henschelhalle sitze ich in der zweiten Reihe und verfolge 90 % des Geschehens über drei Bildschirme, die zwischen mich und der Kunst gehalten werden. Von Besitzern jeder Altersklasse. Während der Aufnahmen werden die Belichtungen korrigiert, ran- und weggezoomt, WhatApps zur Seite gewischt. Jedes Smartphone macht dabei »Klick« oder »Kalong«, wenn die Videoaufnahme beendet wird. Links von mir kommt eine Digitalkamera mit Serienbildfunktion zu Einsatz, der Fotograf schießt immer (immer!) drei oder vier Bilder, läßt dann die Kamera wieder auf seine Knie sinken. Als wäre überhaupt nichts geschehen. Um eine Minute später das nächste Dauerfeuer zu eröffnen. Es stört niemanden mehr. Es gibt keine Hinweise mehr, es nicht zu tun. Das Abendland ist untergegangen und nicht einmal die FAZ hat es gemerkt.  Ich liebe mein Smartphone, ich mache viele Bilder. Ich überlege mir nur, wann ich das tue. Ich bin allein mit dieser Entscheidung, alle anderen schießen um sich.

Meine Erfindung kommt jetzt bei jeder documenta-Veranstaltung zum Einsatz. Betrachten Sie das als Warnung. Und lesen Sie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen auf Ihrer Eintrittskarte. Da wird auf die Pulverisierung bereits hingewiesen und jede Haftung ausgeschlossen. Sie bekommen aber eine recycelbare Tüte zum Aufsammeln der Überreste gratis bei jeder Aufsicht.

Ich erwache aus meinem Tagtraum. Meine Freundin hält mir ihr Smartphone vors Gesicht: »Och, das macht Dich krank oder?«

Tag 47: »Weißt du, es ist ja wie in der Realität, wenn du ein Buch liest«

Ich lese einfach. Ich bin dann in meiner Realität. Schön ist es, wenn ich das Buch abhole, so richtig altmodisch in der Buchhandlung. Nicht schön, wenn  es in Plastikfolie eingeschweißt ist. Deshalb wundere ich mich sehr, dass die Bücher hier so eingeschweißt hängen. Da kann man ja gar nicht lesen, das ist ja so wie in der Zensur damals.

Ich denke mir Bücher für mich selbst aus. Die ich dann durchlese. Ich brauche das gar nicht aufzuschreiben, ist alles in meinem Kopf. So richtig Kapitel für Kapitel abgespeichert. Ich lese jeden Tag drin, manchmal schlage ich meinen Kopf bei einer Seite auf, lese mich fest, erschrecke über die Zeit, die vergeht, schlage wieder zu.

Ich werde mein Gehirn der Nachwelt sponsern, so als neuronales Workbook für Schreibwerkstätten. Vielleicht wollen die mal analysieren, wo Figuren und Handlung so her kommen. Dann ist auch für was gut.

So ist das bei mir: »Weißt du, es ist ja wie in der Realität, wenn du ein Buch liest.«

Tag 46: »Von Michael Althen lernen«

Ein schöner Tag auf der documenta 20. Gerade habe ich mich mit dem künstlerischen Globally Recognized Avatar unterhalten. Wir sind zusammen durch die Ausstellung  gelaufen, haben die Kunstwerke betrachtet, haben selbst etwas dazu gestellt. Jeder ist ein Künstler. Alles mit Neuroübertragung geteilt, schon sind zwei Millionen andere bei uns und machen Kunst. Im hyperraumkassel, das ist so schön altmodisch, kommen wir an einem einzigen Ort zusammen und zeigen uns die kleine Welt. Wir bleiben zuhause, bezahlen ein paar Bitcoins, docken uns an, fliegen über das Nordhessische Bergland googleappleamazonmap-gleich tief in die Erde und lassen uns durch den vertikalen Erdkilometer nach oben beamen. Wir bekommen riesige Rucksäcke umgeschnallt, die wir mit ins Fridericianum nehmen dürfen – alles fällt von der Wand, wenn wir uns umdrehen und alles schwebt wieder an seinen Platz. Wer will, kriegt Bonuspunkte in sein Backpack.

Die regionale Zeitung HNA, die Hollistische Neurolinguistische Allgemeine, hat die Köpfe der Woche in die Ausstellung gestellt, wir gehen mit ihnen spazieren. Alle sind sie da: Catherine David parliert über die Socken, Jan Hoet hat wie immer einen Tobsuchtsanfall, Okwui Enwezor immer noch die meisten Schuhe und Anzüge, CCB besteigt mit uns den Turm der Elisabethkirche und wir tragen gemeinsam den Balkenhol-Mann zum Friedrichsplatz, mit Rudi Fuchs gehen wir ins documenta-Dachkino und schauen Gilbert & George, Buergel und Noack leihen uns Stiefel und wir matschen zusammen in der Karlsaue,  Harald Szeemann schrumpft uns und wir dürfen ins Maus-Museum, bei Joseph Beuys probieren wir den Honig und dann sind wir der Honig und sausen durch die Schläuche, mit Arnold Bode laufen wir durch die kaputte Orangerie und bauen sie Stein für Stein wieder zusammen.

Im Archiv-Gang Nummer 14 im documenta-Institut am Rosenhang lese ich den wunderbaren Spruch »In der documenta schlafen, heißt der Kunst vertrauen«. War der nicht von diesem Filmkritiker Michael Athen, der zu früh gestorben ist? Und war das Motto damals nicht: »Von Michael Althen lernen«

Tag 45: »Der Soldat stirbt nicht, er ist unsterblich«

Es ist die letzte Runde. Die Besucher verlassen das Gebäude. Immer treffe ich Menschen, die noch vor einer Arbeit stehen. Versunken sind. Gar nicht realisieren, dass es zu Ende geht. Es ist fast so, als würde ich sie aufwecken. Dann erschrecken sie. Sie waren in einem Traum. Ich bin der Aufwecker, der Rausreißer, der Realitätszurückbringer. Ich bin es gern. Nichts entgeht mir. Jeder Fleck an der Wand wird übermalt, damit alles wieder strahlend weiß ist. Jedes Absperrseil wird zurecht gerückt. So gut wie nie finde ich Müll. Keiner schmeißt was weg. Verliert manchmal etwas. Einen Notizzettel mit dem Namen von Künstlern. Ein Ausstellungsplan mit Anmerkungen wie »Ja!« oder »?« oder »noch tiefer ergründen«. Vorbei. Plan verloren. Tieferen Grund verpasst. Ich stecke dann den Plan ein und nehme mir vor, es am nächsten Tag für den Besucher zu tun: tief zu ergründen. Das darf nicht ungetan bleiben. Dann fehlt etwas. Es darf nichts fehlen. Die documenta ist immer vollständig. Bis zum siebzehnten September. Dafür bürge ich.

Von uns gibt es viele. Wie ein kleine Armee durchstreifen wir die heiligen Hallen am Abend um 20 Uhr 13. Ich schalte, wie immer an diesem Abend, den Beamer im ersten Stock aus. Die letzten Worte auf der Leinwand sind »Der Soldat stirbt nicht, er ist unsterblich«.

Tag 44: »1008 Einwohner, da kann ich dir auch noch was beibringen«

(Mutter und Tochter laufen durchs Fridericianum. Man wird als Betrachter den Eindruck nicht los, dass die Mutter Kunstwerk für Kunstwerk abhaken will. Die Tochter schaut interessiert, wahrscheinlich kennt sie das seit Jahren und tut ihrer Mutter den Gefallen. Die Mutter hat einen Stapel Zettel mit handschriftlichen Notizen, auf die sie immer wieder schaut)

(Mutter sagt:) »Hier siehst du eine Arbeit von Emily Jacir. Sie thematisiert mit dem Flüchtlingszelt die bedrückende Lage des Übergangs.«
(Tochter denkt:) »Das Zelten mit Anne-Sophie war so toll, die ganze Nacht haben wir geredet.«

»Der Abacus von George Lappas, das kennst du noch oder?«
»Ob Finn das nächste Mal beim Zelten mitkommt? Das wäre toll. Er ist so gut in Mathe.«

»Andreas Lolis Skulpturen sind aus Marmor, das sieht man gar nicht auf den ersten Blick.«
»Und ich habe nackt auf dem Marmor beim letzten Urlaub gelegen, so stark war mein Sonnenbrand.«

»Kendell Geers, hier liegen riesige Stacheldraht-Rollen in Regalen, die jederzeit zum Einsatz kommen können.«
»Die du am liebsten um mein Zimmer wickeln würdest, damit ich drin bleibe und nix böses tue. Bei dir bleibe.«

»Ein Panzer aus Schaumstoff von Andreas Angelidakis, Polemos ist der Titel.«
»Wie dein Panzer um dich herum. Wann sagst du mir endlich mal, wie du dich wirklich fühlst nach der Trennung von Papa und lügst mich nicht an?«

(Die Mutter steigert das Tempo, je weniger die Tochter etwas sagt. Verzweiflung im Blick)

(Mutter sagt:) »Der Webstuhl von Janine Antoni, mit REM-Dekodierer, die gewebte Decke reicht bis zum Bett.«
(Tochter denkt:) »Ich bin so müde, darf man sich da reinlegen? Einfach wie früher, als Papa noch da war. Einfach hinlegen.«

»George Hadjimachalis hat auf diesem Tisch die Begegnung von Ödipus mit seinem Vater thematisiert.«
»Wenn wir uns jemals an einer Kreuzung treffen, thematisiere ich das mit Schlauchbooten im Atlantik. Mit zwei roten Ampeln mitten im Meer.«

»Gary Hill in einer Performance«
»Rennt der Typ tatsächlich immer wieder gegen die Wand? Tatsächlich. Cool. Genau wie bei uns.«

»Bill Violas Welle erfasst die Protagonisten, sie werden komplett nass, wie auf einem Flüchtlingsboot.«
»Wohin würdest du flüchten, wenn du könntest? Vor was hast du Angst? Einer neuen Beziehung? Mach‘ es, mach‘ es einfach. Tu mir den Gefallen.«

(Mutter sagt:) »1006 Einwohner hat die Insel Nisyros, auf der Panos Kokkinias die Menschen mit ihren Fotoapparaten und Handys portraitiert hat.«
(Tochter hat, wie auf dem Foto des Künstlers, ihr Handy in der Hand und sagt zum ersten Mal etwas:) »1008 Einwohner, da kann ich dir auch noch was beibringen«

Tag 43: »Das ist jetzt die Alternative zum Starnberger Häuschen: ein Flüchtlingszelt«

Als Immobilienmakler muss man mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit. Das ist mein Motto. Wir haben ja einen Boom, aber die Leute wollen auch immer mehr die ausgefallenen Locations. Die Ansprüche! Ich sage es ihnen. Wenn es teuer wird, wollen wir auch mitreden. Sagen meine Kunden. Und reden und reden. Als Psychotherapeut würde ich mehr verdienen.

Der Wind dreht gerade. Wir haben Ferienwohnungen in der Türkei verkauft. Massenweise. Die Leute waren verrückt drauf. Fahren die da jetzt noch hin? Und melden sich vorher in der deutschen Botschaft an? Polen? Ungarn? England? Alles durch, die Angst siegt. In Italien brennt es, in Portugal auch. Auf Malle nur noch Zäune. Auf Sylt kriegen sie nichts mehr, seid Jahren nicht mehr. Usedom ist genauso schlecht. Kassel boomt. Kassel! Du kriegst die Motten.

Die meisten Flüchtlingsunterkünfte stehen leer. Da geht was. Aber wollen wir das wirklich? Mein Freund aus Jugendtagen sagt: »Das ist jetzt die Alternative zum Starnberger Häuschen: ein Flüchtlingszelt.«

Tag 42: »Ich komme heute von der Hauptpost und helfe aus«

Die documenta ist ein kreatives Feld. Auch für uns an der Garderobe. In der Tradition der Künstlerin Sophie Calle, die schon als Zimmermädchen die Koffer der Gäste durchsucht hat, kümmern wir uns um die Inhalte der Rucksäcke. Wir tauschen täglich einige Dinge aus den Rucksäcken aus. Eine Haarbürste gegen einen Kamm. Eine Girocard gegen eine Kreditkarte. € gegen $, am besten die Münzen. Ein Lippenstift gegen einen Labello. Autoschlüssel! Lesebrillen! Ein deutsches Daybook gegen ein englisches. Warum nicht mal mit einem Hunderter bezahlen, der vorher ein Zehner war? Fast einen ganzen Tag haben wir gebraucht, um diesen Hunderter zu finden. Wir legen auch manchmal etwas dazu aus unseren Sammlungen: was Menschen verlieren (lost) und andere in ihrem Rucksack finden (found). Deshalb auch das Schild. Regenschirme haben wir sehr viele, die müssen einfach wieder in die Rucksackkreislaufwirtschaft. Ist doch auch schön, wenn es regnet und Sie zaubern den Schirm aus dem Hut. Ihre Freunde werden staunen. 

Gut, dass mit dem Chihuahua hätte wir uns schenken könne. Die kläffen einfach zu laut. Ist aufgeflogen und auch noch ausgerechnet in der Tüte von Bazon Brock. Der ja alles immer als Zeichen nimmt. Und leider auch noch erklärt. Wir tun das nicht. Wir produzieren auch kein  Chaos. Wir tun das, damit die Leute wieder miteinander reden. Suchen. Finden. Tauschen: »Ich hatte doch noch … Ah, das ist es …. Nein, das sah doch ganz anders aus … Egal.«

Ach, noch was: wir geben auch nix zurück. Teil des Kunstprojekts. Wir sind Avantgarde. Nicht diese Agentur, die den Choristen das marktwirtschaftliche Denken beibringen will. Nein, die richtige Avantgarde. Wir sind für das bedingungslose Grundvertauschen. Deshalb komme ich heute von der Peripherie aus der Nordstadt (das lost-and-found-Projekt ist natürlich von dort) und stoße vor zum Friedrichsplatz. Darf man überhaupt sagen, was die Neue Neue Galerie eigentlich ist? Ich tue es mal: »Ich komme heute von der Hauptpost und helfe aus.«

Tag 41: »Some of the artists are contemporary and some of them are dead since a hundred years« 

Hi there, this is Brad Pitt speaking. Oh, excuse me, I’ll switch to the German Translation Software: Hallo, hier spricht Brad Pritt! Habe gehört, dass ihr auf mich in Kassel wartet! Ihr Süßen, so wie vor fünf Jahren geht das leider nicht mehr! Zuviel Rummel, ich konnte ja kaum die Kunst sehen! Außerdem haben mir drei Leute gesagt, ich sollte mich rasieren! Drei!

Ich habe mir diesmal was Neues überlegt! Tja, jetzt keinen langen Gesichter, aber, Folks, ich war schon da! Ich habe mir die Klamotten von Marta Minujín geliehen! Die hat sogar den selben Sonnenbrillengeschmack wie ich! Ich dann rauf auf die documenta 14! In-cog-ni-to, ja, ich kann auch Fremdsprachen! Ist aber leider schief gelaufen, weil: Marta kennt hier auch schon jeder! Alle wollten mit mir sprechen! Auf Spanisch! Na gut, ein bißchen kann ich es ja, am Set ist es immer so langweilig und die Caterer sind ja immer Spanier! Aber das schlimmste war der Büstenhalter! Ein Hoch auf die Frauen (außer auf die eine, ihr wisst schon), dass ihr das so tragen und ertragen könnt (Wortspiel, Folks!) Jeden Tag! Ich war nach einer Stunde völlig k.o.! Alles wieder ausgezogen! Was nun?

Von der Größe her hätte ja auch der Adam Schimschick gepasst! Aber die Frisur kriege ich nicht hin! Den Gesichtsausdruck auch nicht! Russisch kann ich auch nicht, der kommt doch aus Russland? Hab‘ mir dann eine Prozac-Jacke geliehen! Darf sie auch noch behalten! Danke, Mann! Ach nein, ich es sehe es gerade, es heißt Protex! Für die Textilien, cool! Mit der Jacke wirst du unsichtbar, alle gucken weg, wenn du kommst!

War natürlich auch bei Ellis und Gisela, wo sonst sollte man essen? Ellis hat dicht gehalten, was für Typ! Gruß, Mann! Die 14 finde ich cool! Wegen der toten Künstler! Und der lebenden! Ich schalt mal wieder Originalmodus: »Some of the artists are contemporary and some of them are dead since a hundred years«

Tag 40: »Es gibt nie eine Erklärung dazu«

Ich habe mich entschlossen, die Erklärungszettel bei der documenta 14 komplett einzusammeln.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass immer wieder Zettel fehlen? Das bin ich aber nicht! Ich mache das viel einfühlsamer. Ich tausche die Zettel aus – mit meinen Erläuterungen der Kunstwerke. Bisher ist das nicht aufgefallen. Das soll es auch nicht, es ist ein diskursiver Prozess. Ich stelle mich manchmal dazu und höre hin, wenn die Besucher meine Erklärungen diskutieren.

Ich bin meine Performance, die documenta spricht mir aus dem Herzen: »Dieses performative Zusammenkommen etabliert keine Hierarchien zwischen sich radikal unterscheidendem Wissen, Sprachen und Praktiken, zwischen Aktivismus und Performance, zwischen Theorie und Poesie, zwischen Kunst und Politik: Kollektiv versuchen wir uns an der Herstellung eines öffentlichen Raums der Sichtbarkeit und der Artikulation.« Das mache ich! Immer zwischen!

Ich handele strikt nach dem Prinzip von Herrn Szymczyk. Ich werde Teil des »denkenden Organismus« dieser documenta. Ich setze mich »dem Unverständlichen aus«. Ich denke selbst. Das haben alle Choristen von mir in den Walks immer wieder verlangt. Ich habe meine eigenen Gedanken aufgeschrieben, in das documenta-Layout gebracht und aufgehängt.

Die Frau neben mir sucht einen Erklärungszettel, ich weiß, wo er ist, sie weiß es nicht: »Es gibt nie eine Erklärung dazu«

Tag 39: »Weisst du, was das ist? Nein, das ist Null (0)«

Wir wollten Gutes tun. Wir haben den Prometheus entfesselt.

Wir wollten Orientierung geben. Wir haben mit neuen Straßennamen verstört.

Wir wollten alles richtig machen. Wir haben den Geist aus der Flasche gelassen.

Wir wollten Neville Brody sein. Wir sind Mevis & van Deursen.

Wir wollten Geschichte schreiben. Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet.

Wir wollten Kassel ordnen. Wir haben von Athen nichts gelernt.

Wir wollten der Welt einen documenta-Plan geben. Wir haben ein Monstrum erschaffen.


Im Vorbeigehen höre ich das, was ich immer höre: »Weisst du, was das ist? Nein, das ist Null (0)«

(Danke an Tina für die Fotos)

Tag 38: »Ein zu weitgehender Ehrgeiz«

Werner und Arnold gucken von hier oben postmortem zu und sagen: Vieles gefällt uns gar nicht, einiges schon und wir würden gerne mal wieder lachen. So wie bei den Erdbeeren und den Hunden vor fünf Jahren. Das Staubsaugervideo im Bellevue ist prima.

Wirklich herzallerliebst sind die Studenten da in der Kunsthochschule. Nein, nicht wegen der vielen Bilder von mir und dem einen von Werner. Sondern: weil sie sich so mit unser ersten Ausstellung beschäftigen. Was für ein Theater hatten wir damals. Auch sehr, sehr schön sind die Fotos von Hans Haacke im Fridericianum. Der Junge mit dem Micky-Maus-Heft! Den haben wir gestern wieder gesehen, am Parthenon! Wieder mit leuchtenden Augen, wieder beim Micky-Maus-Heft. Kaum gealtert seit 1959.

»Wir meinen aber, man könnte etwas Neues versuchen.« Gruß an Bernd Leifeld, der hatte den Spruch immer in seinem Büro. Plus das Bild von Gerhard, was Ihr in der Neuen Galerie noch mal angucken könnt. Wie schrieb doch der Gutachter Kurt Martin (gerade heute morgen habe ich ihn getroffen und er bereut seine Aussagen langsam) über die internationale Ausstellung der Kunst des 20. Jahrhunderts als Aufgabe für Kassel: »Ein zu weitgehender Ehrgeiz.«

Tag 37: »Nachdem ich den Tag erlebt habe, kann mich nix mehr schocken« 

Ich erwache im Traum. Dann erwache ich aus dem Traum. Ich schlafe wieder ein, erwache erneut. Bin ich noch im Traum? Ich bin wieder wach! Was sich als Fehler herausstellt, der nicht wieder gut zu machen ist. Denn ich habe die Spätnachmittagschicht im Naturkundemuseum erwischt. Ich kann kaum stehen, setze mich hin, schlafe wieder ein. Minütlich erwache ich aus dem Delfinschlaf. Ich zwinge mich, luzid zu träumen. Ich kaufe bei eBay für 29,99 das documenta14-Autogramm von Dale Harding. Warum hat er in schwarz und nicht in blau unterschrieben? In meinem Traum korrigiere ich den Fehler. Im anschließenden Alptraum sagt der Kollege neben mir: »Nachdem ich den Tag erlebt habe, kann mich nix mehr schocken.«

Tag 36: »Wir kaufen Dein Leben komplett oder in Teilen« 

Natürlich habe ich schon Angebote erhalten. Reihenweise. Wir stellen schließlich jeden Tag das Schild auf. Nur der hier meint es anscheinend ernst. Fragt mich, ob ich seinen Finger kaufen will. Den linken Mittelfinger. Darauf legt er dann schon wert. Und was er dafür bekommt. Ich sage ihm, dass er einen Brief an die documenta-Leitung schreiben soll. Am liebsten würde ich ihm noch sagen, dass er seinen Finger gleich dabei legen soll. Traue ich mich dann doch nicht. Außerdem hat er nicht kapiert, dass wir keine Körperteile sondern Lebensteile ankaufen.

Eine Frau will ihre Depression verkaufen. Da sie aber gerade überwunden ist, sind wir nicht interessiert. Ein Student will sein ewiges Alleinsein anbieten. Da sind wir interessiert, haben wir doch schon genug mit Gruppen zu tun und wünschen uns eine Auszeit. Ein älterer Herr hätte da sein unglückliches Verliebtsein im Angebot. Für 10 Mark. Lange her, war vor dem Euro. Ist uns trotzdem zu teuer, wir wollen das schließlich weiter verkaufen, da gibt es zu viel Ramsch. Aus der letzten Woche: Gefängnisaufenthalt zwei Jahre ohne Bewährung, Durchfall eine Woche, Calden-Flug mit zwei Tagen ohne Koffer, drei Stunden documenta-Pressekonferenz (von insgesamt 238 Journalisten angeboten), acht Stunden Nachtwache an der Ölmühle vor der Orangerie, sechzehn Minuten Warten auf einen Aperol Spritz im Bellevue-Biergarten, dreißig Minuten Warten vor der Henschelhalle, einundvierzig Jahre Warten auf die Pension. 

Wieso kriegen wir nur die Bad Things angeboten? Ich verrate Ihnen hier jetzt mal ein Geheimnis. Ich habe das Go, sämtliche positiven Lebensteile anzukaufen! Mit bis zu 1.000 Euro ohne Rückfrage. Wenn die Jungs in der documenta und Fridercianum Veranstaltungs gGmbH (ich liebe diesen Namen) gut drauf sind, bis 5.000 Euro. Und die sind gut drauf, Athen schließt morgen und da haben sie schön Geld reingepulvert, das hat jetzt ein Ende. Da knallen morgen die Korken und der Knorr-Rauchproduzent will auch weiter machen. Der verbrennt da nämlich die eingereichten Reisekostenabrechnungen aus Griechenland, die Belege hassen die Leute in der GmbH, immer müssen sie Geld raushauen. Da zahlen sie doch lieber für das positive Leben.

Aber keiner will. Für heute reicht’s mir. Ich lasse das Schild im Depot verschwinden. Sollen es doch heute mal nur noch die Spinnen lesen: »Wir kaufen Dein Leben komplett oder in Teilen.« 

Tag 35: »Do you want to go there? Nääh!« 

(Ein Paar wartet vor dem Eingang der Henschelhallen auf den Einlass zur Performance. Die Frau des künstlerische Leiters gibt sich die Ehre. Es gibt mehr Interessenten als Karten, das wird schnell klar. Viel mehr Interessenten)

»Do we need tickets?«

»Oh Mann, sprich deutsch mit mir, ich habe dir gesagt, ich hasse das.«

»I’ll have a look.«

(Der ältere der beiden Männer geht nach vorn und unterhält sich mit dem Wachpersonal. Alles sind wie immer extrem freundlich, Therapeuten würden von »aggressionsgehemmt« sprechen. Es werden, an einem Tisch, Listen überprüft, Köpfe geschüttelt, Handy bedient, wieder Köpfe geschüttelt. Nach einer Weile kommt der ältere Mann zurück)

»No more tickets.«

»Weißt du was? Versuch‘ mit dieser englischen Nummer mal eine Eintrittskarte zu bekommen. Ich jedenfalls habe eine.«

»Maybe online.«

(Er klappt sein nagelneues iPad Pro 10,5“ auf, zaubert ein Applepencil aus der Tasche und tippt in atemberaubenden Tempo auf dem Gorillaglas herum. Es ist deutlich zu sehen, dass er die Split-View-Technik im Safari-Browser beherrscht, denn er scannt gleichzeitig zwei Ticketportale. Um dann den Kopf zu schütteln)

»Shit happens. No more tickets.«

»Nur, dass immer nur dir die Scheiße passiert.«  

»Let’s share your Eintrittskarte.«

»Da nützt dir gar nichts, auch wenn du jetzt was Deutsches dazwischen laberst.«

»Please be so kind to support me.«  

»Noch ein Wort von deinem Scheiß-Englisch und ich haue ab.«

»Excuse me?«

(Der jüngere der beiden Männer stürmt nach vorn, hält dabei sein Ticket, Pardon, seine Einlasskarte nach oben. Das Wachpersonal stoppt ihn, extrem freundlich, wie immer. Er muss warten, wie alle. Dann endlich geht es voran, langer Marsch durch die Halle. Die Zuschauer sitzen mit auf der Bühne, großes Gedränge, das Paar ist wieder zusammen, aber unentschlossen: Erste Reihe mit Gefahr von Mitmachenmüssens oder die fast volle letzte Reihe mit der Garantie des Nixsehenkönnens)

»Do you want to go there?« 

»Näah!« 

Tag 34: »14 ist tot« 

Ich würde schon aus Prinzip nicht studieren. Steht hier an einem Geländer. Und alle anderen wollen zur documenta? Vergesst es. Habt Spaß.  Denn documenta 14 ist aus Prinzip schon nicht lustig. Drinnen ist das Wetter auch schlechter. Dann lieber die erste documenta nachstellen. Arnold Bode an die Wand knallen. Gardinen aus dem Fridericianum nachschneidern. Dieses Licht! Wie die Leute sich benehmen. Der Rektor entzückt. Alle sind hier sehr, sehr freundlich. Fragen Sie die Studierenden. Fragen Sie die Professoren. Man wird es ihnen erklären. Denn die Überwachungskameras überwachen nur noch sich selbst. Sehr rund. Rundgang.

Auf der Bühne sagt der Gitarrist: »14 ist tot.«

Tag 33: »Das Lightbackpack muss zur Garderobe«

Ich bin kein Turnbeutel! Gerade hat mich ein älterer Herr so genannt. Das ist eine Un-ver-schämt-heit. Ich bin Lightbackpack, in silber, mit schwarzer Kordel und einem extra Fach für die Geldbörse. Stark und treu, umweltfreundlich, wiederverwendbar und ganz ohne Chemie, robust, wasserabweisend und waschbar. Und toll aussehen tun sie auch noch. Sagen die Menschen, die mich kennen.

Mein neuer Besitzer tut sich noch etwas schwer. Er schwitzt unter mir! Das ist etwas unangenehm, merke ich mal höflich an. Ich kommuniziere ihm das auf meine unnachahmliche Weise: Ich werde sehr schwer. Doch der User kennt meine Sprache noch nicht. Er trägt mich einfach weiter – mit transpirativen Mega-Erfolgen. Fast alle meine Artgenossen werden abgelegt, ich bleibe auf dem Rücken. Ich bin es light. Mein alter Kumpel, eine Handtasche, wird auf dem Boden gestellt. Ich sehe es genau: Sie chillt! Mehrere Plastiktüten dösen unter einer Bierbank im Schatten. Zwei Lehrerrucksäcke (von Jack Wolfskin, der Looser-Marke) turteln abgehängt auf einem Stuhl. Ein Portemonnaie schläft im Kinderwagennetz neben einem komatösen Regenschirm.

Ich hänge hier in der Sonne, reflektiere, was das Zeug hält. Doch ich werde immer heißer, ich VERGLÜHE. Ich brauche jetzt dringend eine Pause. Vom Schweiß, vom Trubel, von dem schweren Zeugs in mir. Auf einem dieser schönen Ikea-Regale in einem dieser weißen Container.

Und was sagt diese fantastische Frau am Eingang zu meinem Besitzer? Sie spricht mir aus dem Herzen, sie erhört mein Flehen, sie erbarmt sich meiner: »Das Lightbackpack muss zur Garderobe.«

Tag 32: »So erfahren alle, dass an der Decke noch etwas hängt«

Typen gibt es sehr unterschiedliche, dass weiß ich als Journalist. Ich nehme das sportlich. Ich habe gerade ein Interview gemacht und sehe diesen Typen vor mir, der seine Zeit mit Lauschen verbringt. Wem es hilft, der soll es tun. Seine Zitate sind ganz okay. Besser gesagt: die Zitate von Besuchern. Er verrät mir auch ein unveröffentlichtes: »Dieser Panzer, da habe ich gar kein Bild dazu.«

Ich habe Bilder zu Panzern. Und ich hätte sie gerne wieder aus meinem Kopf. Jeden Tag bekommen wir diese Bilder, da fragt uns keiner, ob wir das überhaupt wollen. Wir sehen so viel mehr als später unsere Leser.

Meine Kollegin bearbeitet Kommentare, die auf die Webseite gepostet werden. Sie muss entscheiden, was dann erscheint. Ich habe keine Ahnung, wo sie diese Worte hindrückt. Der Hass kommt bei uns öffentlich nicht vor, da bin ich froh. Ich wünsche mir einen großen Ausguss in jeder Etage, wo wir diese Worte runterspülen können. Oder einen Baustellencontainer, der täglich entsorgt wird. Mit Worten und Bildern, die keiner braucht.

Mein Interviewpartner will noch eine längere Geschichte schreiben, in der ein Feuerteufel beim Parthenon die Hauptrolle spielt. Da läuft es mir kalt den Rücken runter, mein Name ist schließlich der Schutzpatron der Feuerwehr.

Zurück in der Redaktion tippe ich die letzten Worte in meinen PC: »So erfahren alle, dass an der Decke noch etwas hängt.«

Tag 31: »Wir hatten gerade eineinhalb Tage Hardcore«

Alle sagen das: Die documenta will zu Fuß erobert werden. Ich könnte mir vorstellen, mal mit der Tram zu fahren. Wenn ich den documenta-Plan verstehen würde. Und dort die Haltestellen eingezeichnet wären. Ich komme von der Brücke am Rondell und bewege mich auf der Halitstraße Richtung Norden. Die Kasseler Straßenschilder kennen zwar den türkischen Platz, die Straße klingt aber eindeutig niederländisch. Wir wollen zu den Gottschalkhallen, die hier niemand kennt. Überhaupt kennt hier niemand irgendetwas. Ich komme mir vor wie am Nordpol. Der Mann eben hat behauptet, es gäbe eine Neue Galerie, aber keine Neue Neue Galerie. Er ist richtig sauer. Das wäre ein Druckfehler. Ein Druckfehler? Bei der weltweit wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst?

Ich glaube, diese documenta-Macher verarschen uns. Glaubt ihr wirklich, wir nehmen euch ab, dass eine Kreuzung hier »Katzensprung« heißt? Das dort ein Gießhaus sein soll, ist ein Gerücht. Da gießt keiner. Ich brauche auch echt keinen Plan, wo ich die Kunstwerke finde, das wäre mir zu einfach. Ich brauche auch keine Texterklärungen aus einem Tagebuch für Kunstwerk, die hier gar nicht stehen. Ich liebe allerdings die Ordnung der Künstler nach Datum. Ich liebe nicht die Internetseite, die immer mit einer langen Zickzacklinie anfängt. Kenner haben mir verraten, das wäre die Strecke von Kassel nach Athen. Mir reicht der Marsch vom Nordstadtpark mit dieser läppischen Pyramide zur Kunsthochschule, wo wir auch nix gefunden haben. Es gibt aber einen Künstler, der macht was mit Pferden. Und der heißt Ross.

Ich fotografiere die Erklärungen in den Räumen und baue mir meine eigene documenta. Ehrlich, wir brauchen euch nicht mit euren Map Booklets, Daybooks und Readers. Wir kaufen uns die Socken, das ist nützlich. Und einen Hocker.

Der Plan wird übrigens mit Kassel (0) bezeichnet. Was in etwa der Bewertung in Sachen Service entspricht. Ende mit dieser documenta. Wir kommen jetzt an einen Berg mit Terrassen aus Wein – sagt der Plan. Wobei kein Wein zu sehen ist. Ach, doch, da ist er, auf der Karte vom Neu-Kafé. Schreibt man das wirklich so? Mein Hund würde sagen: »Wir hatten gerade eineinhalb Tage Hardcore.«

Tag 30: »Ich habe übrigens ein Bild von der Scheiße« 

Wäre ich ein Pferd, ich wäre um den Friedrichsplatz geprescht. Um euch noch mal zu zeigen, was wir drauf haben. Hallo, wir sind von Parthenon zu Parthenon geritten. 3000 Kilometer! Warum? Weil wir es können. So, wie wir die Ohren nach hinten biegen können, um euch besser zu hören.

Glaubt ja nicht, dass ihr uns reitet. Wir reiten euch. Wir entscheiden bei jedem Meter und Kilometer, ob wir weiter wollen. Die Zügel haben wir nur erfunden, um euch in Sicherheit zu wiegen. In der Sicherheit der Kontrolle über uns. Wir.Sind.Frei. Ich neige mein Ohren mal nach hinten, das kennst du und deutest: Mein Pferd ist entspannt. Es ist mir eine Freude, dass du das glaubst.

Jetzt stehen wir hier, lassen uns bestaunen, bestreicheln und berauschen. Alles, was wir machen, ist Kunst. Und ich meine: wirklich alles. Eine Frau neben mir sagt: »Ich habe übrigens ein Bild von der Scheiße.«

Tag 29: »Man muss das gar nicht wegdenken«

Ich stehe heute Morgen vor dem Spiegel und entscheide, den ganzen Tag auf Deutsch zu denken.

Als erstes denke ich mir jetzt einen Satz aus, in dem alle meine Lieblingsbegriffe vorkommen: Die Trennlinie zwischen dem Prozess und der Stille ist die Partitur zur Flucht vor Gesellschaften, die im Parlament der Körper von Athen lernen, sich linksradikal in 34 Freiheitsübungen zu restituieren, um Hegemonie mit Hilfe der Spaziergangswissenschaften in der Himmelsrichtung South as a State of mind die Masken von den Gesichtern zu reißen – außerdem habe ich gerade Hunger.

Als nächstes werde ich diesen Satz wieder entlernen. Denn sonst sind wir alle dem Untergang geweiht. Oder vielleicht doch nicht? Eine unserer Choristen sagt gerade zu einer Gruppe: »Man muss das gar nicht wegdenken.«

Tag 28: »Wenn die Geschichte sich wiederholt, ist es durch und durch«

Das Axolotl im Aquarium bewegt sich nicht. Die Besucher klopfen an die Scheibe. Fuck you, guys.

Ich schaue auf die Tapete daneben und glaube, dass sich mein Leben gerade wiederholt. Zum hundertsten Male wiederholt wie dieses Muster auf der Tapete: Wenn mich mein Freund verläßt, weil ich »zu kompliziert bin«. Wenn mein Coach die Sitzung beendet, weil »wir doch heute wieder einen Schritt gemacht haben«. Wenn meine Mutter mich, wie jeden Tag, schon an der Tür erwartet mit den Worten »Endlich kommst du mal«. Wenn mein Bäcker mich nach meiner »Brotkarte« fragt und ich keine habe. Wenn mein Bankautomat mich nach der »Scheinauswahl« fragt und ich zum Schein auswähle. Wenn Gunter Tiersch mir zuruft »Mach Sie’s gut« und ich es wieder nicht gut mache. Wenn ich lächele und der Andere nicht zurück lächelt. Wenn ich am Parkautomat auf »Quittung« drücke und keine bekomme. Wenn Trump »You are Fake News« sagt, wenn Erdoğan die Welt verhaftet, wenn Merkel die Raute rautet, die G20-Gegner die Porsches anzünden, die Polizisten pfeffern und wasserwerfern, Michael Wollny durch die Nacht fährt, Karl marxt. Wenn ich wieder allein bin. Wieder.

Ich schaue auf den Zettel mit der Erklärung und lache mich kaputt: »Wenn die Geschichte sich wiederholt, ist es durch und durch.«

Tag 27: »Mama, können wir jetzt mal was Schönes machen?«

(Eine Mutter steht mit ihrem Kind mitten im Parthenon. Im Hintergrund entschuldigen sich zwei Frauen wortreich bei einer Menschengruppe, die Schilder mit Friedenstauben hochhält)

»Mama, was sind das für Bücher?«

»Es gibt Länder auf der Erde, da will man nicht, dass Menschen Bücher lesen. Dann verbietet man das einfach.«

»So, wie Du mir verbietest, abends noch in meinem Buch zu lesen?«

»Ja, schon. Nur dürfen die Menschen dann das Buch überhaupt nicht lesen.«

»In der Schule gibt es Bücher, da wäre ich froh, einer hätte verboten, dass wir die lesen.«

»Kennst du irgendein Buch?«

(Auf Kniehöhe entdeckt der Junge tatsächlich ein Mickymaus-Heft. Er ist begeistert)

»Kenn‘ ich gar nicht. Sieht uralt aus.«

»Und war auch verboten.«

»Das ist total ungerecht. Mickymaus darf man nicht verbieten. Kann ich das Plastik abmachen und reingucken?«

»Lieber nicht. Das wollen sich die anderen Leute auch noch anschauen mit ihren Kindern.«

(Mutter und Kind gehen zum Eingang vom Leder-Meid-Appartement. Die Friedensaktivisten im Hintergrund ziehen zufrieden ab, die Friedenstaubensymbole werden umgedreht, es kommen No-G20-Schilder zum Vorschein)

»Kann ich ein Eis?«

»Wir gehen noch hier schnell rein.«

»Nur, wenn ich vorher …«

»Wir gehen da jetzt noch rein, dann essen wir was Richtiges.«

»Was Richtigeres als Eis gibt es nicht.«

(Der Eismann im Hintergrund weiß aus langer Erfahrung, das Kinder-Erpressungsversuche an dieser Stelle großen Erfolg haben)

»Okay, eine Kugel.«

(Der Eismann lächelt und macht sich an die Arbeit. Die Mutter schluckt, dass sie von einem 2-Euro-Stück nur so wenig zurück bekommt)

»Jetzt gehen wir aber da rein.«

(Die Aufsicht am Eingang verweigert den Zutritt. Mutter und Kind haben beide keinen Rucksack auf und verstehen die Welt nicht mehr. Die Aufsicht deutet auf das Eis. Der Junge muss die Kugel und die Waffel restlos aufessen, die Aufsicht überwacht das streng, dann dürfen beide hinein)

»Wieso haben die rote Waschbecken?«

»Die Farbe heißt rosa.«

»Warum haben die rosane Waschbecken?«

»Sehen doch schön aus.«

»Kann ich mir noch die Zähne putzen? Habe ich heute morgen nicht gemacht.«

»Du hast aber gesagt, dass Du es gemacht hast.«

(Der Junge ist schwer zerknirscht und schaut in ein Unterschränkchen, ob dort Zahnpasta ist. Eine Aufsicht eilt herbei)

»Bitte nichts anfassen.«

»Mein Sohn wollte sich nur die Zähne putzen.«

(Die Mutter kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Jetzt kriegt sie die Aufsicht endlich dran)

»Ach so, warum sagen Sie das nicht gleich. Zahnbürsten gibt es unten im Shop.« 

(Die Mundwinkel der Mutter gehen nach unten. Diese Aufsichten machen ihren Job wirklich gut)

»Ich glaube, Zähneputzen geht hier oben nicht.«

»Super. Diese Dickimenta gefällt mir.«

»Documenta.«

(Der Junge strebt zum Ausgang, rast durch das Treppenhaus nach unten. Die Mutter holt ihn mit letzter Kraft ein. Der Junge strahlt)

»Mama, können wir jetzt mal was Schönes machen?«

Tag 26: »Manchmal höre ich Stimmen, sind die nur in meinem Kopf?«

Ich habe mich entschlossen, die documenta ohne Eintrittskarte zu besuchen. Ich werde alles sehen. Jeden am Eingang überzeugen, dass er mich reinläßt. Ich bin nicht verrückt. Eine Stimme sagt mir, es zu tun. Diese Stimme ist mein Freund seit 46 Jahren. Ich vertraue ihr, noch nie hat sich diese Stimme getäuscht. Alles gelingt mir, weil diese Stimme mich leitet. Jedes documenta-Tor werde ich bezwingen. Ich weiß das. Trotzdem frage ich mich heute zum ersten Mal: »Manchmal höre ich Stimmen, sind die nur in meinem Kopf?«

Tag 25: »Sitzen die Leute endlich im Gefängnis?«

Wenn Du noch ein einziges Mal über die Linie trittst, schmeiß‘ ich Dich raus. Du machst das doch extra. Ich kenne Typen wie Dich. Es sieht ja keiner, denkst Du dir.

Doch, ich sehe Dich! Ich bin höflich, ich sage Dir, dass Du hinter der weißen Linie bleiben muss. Du schaust mich unschuldig an und trittst in gespielter Demut zurück auf die richtige Seite. Ich weiß ganz genau, dass Du dort nicht bleiben wirst. Du willst mir zeigen, wer hier die Macht hat. Weil Du eine Eintrittskarte gekauft hast?

Wieder respektierst Du die Grenze nicht. Deine Hand geht nach oben, Du zeigst mit dem Finger. Zentimeterkurz vor dem Bild hältst Du inne, ich sehe Deinen Seitenblick zu mir. Ich spreche nur mit den Augen und weiß, dass Du weißt, was Du tust. Es gibt keine Regeln für Dich.

Denkst Du. Ich kenne hier alle Regeln und ich werde sie anwenden. Das ist meine Berufung. Ich unbedeutende Aufsicht bin meiner Berufung ganz nah hier in diesem Raum. Mit den Arbeiten, die ich liebe.

Noch eine Sekunde, da, jetzt bist Du drüber. Mit beiden Schuhen. Ich sammele meine Kraft und schreie Dich an, ich habe hier nämlich Hausrecht. Genau das schreie ich Dir zu. Dass Du jetzt hier rausfliegst. Um mich herum wird es still. Alle schauen mich. Ganz ruhig werde ich.

Im nächsten Raum fragt ein Besucher im Vorbeigehen: »Sitzen die Leute endlich im Gefängnis?«

Tag 24: »Wann werden wir für die E-Mails bezahlt, die wir nachts schreiben?«

Wenn wir mit den Besuchern einen Spaziergang über die documenta 14 machen, sollen wir dann möglichst geräuschlos funktionieren? Ich meine: Nein. Ich will Zugänge schaffen und die Menschen anregen, sich mit der Kunst zu beschäftigen. Deshalb bin ich hier, nicht wegen der Bezahlung, wie viele vielleicht glauben. Prekär ist es nicht nur für die Künstler, prekär ist es für den ganzen Kunstbereich, mich eingeschlossen. Tja, werden Sie dann sagen, warum haben Sie denn nichts Vernünftiges gelernt?

Da würde ich einhaken und mit über die Vernunft sprechen. Wenn Sie wollen.

Über das Lernen würde ich auch mit Ihnen sprechen. Da haben Sie dann mal keine Wahl, da müssen Sie durch in meinem Walk. Auch wenn ich eine Gruppe mit Sparkassenmanagern habe, mache ich das. Die wollen ja immer schnell bei allem vorbei, gucken sich so zwanzig Sekunden ein Video an. Ich glaube ja, diese Manager haben bald viel mehr Zeit, als ihnen lieb ist. Die können nicht mehr in der eigenen Küche sitzen, essen ihr Brötchen im Stehen, laufen aus dem Haus – und setzen sich auf die nächste Park“bank“, weil die Sparkassenarbeit ja ausgegangen ist. Keine Zinseinnahmen mehr, Personal überflüssig.

Vielleicht erinnern Sie sich dann an meine Gedanken zu einem Kunstwerk und bereuen, gleich weiter gegangen zu sein. Wenn es dafür gut ist, freue ich mich für Sie. Wenn Sie also in Zukunft an mich denken, freue ich mich schon in dieser Gegenwart. Das ist Kunst. So eine ganz konkrete Gegenwartskunst.

Auf meiner Choristen-Tasche steht: Seien Sie so frei, mich zu meinen Arbeitsbedingungen zu fragen. Ich habe für die Vorbereitungswochen kein Geld bekommen, meine Reisekosten selbst bezahlt. Die documenta-Spaziergänge sind outgesourct, die Agentur behält eine Provision ein, die höher ist als meine Entlohnung pro Gruppe. Ich frage mich: »Wann werden wir für die E-Mails bezahlt, die wir nachts schreiben?«

Tag 23: »Kommt ja überall vor: Traurigkeit und Feinde«

Meine Damen und Herren, ich habe die außerordentliche Freude, Sie heute auf der documenta 14 begrüßen zu dürfen. Als Rechtsanwalt und Notar stehe ich der Kunst ja als Betrachter gegenüber und frage mich oft: Was soll das? Das aber, meine Damen und Herren, ist gar nicht die Frage. Die Freiheit der Kunst ist ja auch die Freiheit der Deutungslosigkeit. Wir deuten auch nicht unsere Mandanten, sondern machen jeden Tag unsere Arbeit im Dienste der Menschheit. Ja genau, so hoch können wir heute schon einmal den Anspruch hängen, meine Damen und Herren. Denn was wäre die Welt ohne uns? Eine bessere Welt? Ganz sicher nicht, meine Damen und Herren. Eine Welt ohne uns wäre eine traurige Welt ohne außergerichtliche Einigungen, ohne Grundbücher, ohne das Recht, auch Recht zu bekommen. Lassen Sie sich durch diese documenta treiben, reflektieren Sie sich mit der Kunst, stellen Sie sich in Frage, meine Damen und Herren, kommen Sie den Ursprüngen Ihres Dasein auf die Spur, seien Sie einmal Sie selbst, lassen Sie den Anwalt Anwalt sein, den Notar Notar. Erleben Sie sich in dieser freien Welt der Künste. Ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, einen ereignisreichen und lehrreichen Tag. Auf das Sie ein Anderer sind am Ende dieses Tages.

Eine Mutter steht im Hintergrund und sagt zu ihrem Sohn: »Kommt ja überall vor: Traurigkeit und Feinde.«

Tag 22: »Es ist nicht alles Schrott, was aussieht wie Schrott«

Schreib‘ mal, wo du bist.😎

Ich habe keine Ahnung, wo ich bin.😳

Schon in Kassel oder?🎯

Stand zumindest am Bahnhof dran 🚂🚃🚃🚃🚃🚃

Und von da bist du wohin?💡

Mit der Tram in die Stadt und da ausgestiegen, wo die meisten Leute waren 👩‍👩‍👧‍👧👨‍👩‍👧‍👧👨‍👩‍👦‍👦👩‍👩‍👦‍👦👨‍👩‍👧‍👦👩‍👩‍👧‍👦👩‍👩‍👧

Am Parthenon?🗽

Warte mal, ich frage ……. Ja, das heißt Parthenon.🎪

Hast du ein verbotenes Buch entdeckt?📙

Wo sind denn hier Bücher?📚

Die hängen dort unter Plastik.🖱

Ach, jetzt sehe ich es. Gehe mal die Treppe hoch🤸🏼‍♂️

Halt, halt, mach das lieber nicht⁉️

Zu spät, bin oben. Hammer🔨

Nein, du bist falsch, der Hammer ist weiter hinten in der Aue⛏

Ich finde Micky-Maus-Hefte🐀

Ja, komm mal runter. Kunst ist kein Spaß🚷

Doch, ist extrem spaßig. Ein Hund pinkelt an Thomas Mann🐕🥃

Also, wollen wir uns überhaupt noch treffen?👥

Ach, nicht gleich so eingeschnappt. Klar will ich dich treffen. Wo?🔃

Hast du eine Eintrittskarte?🎟

Ja Mann😇

Dann komm‘ ins Fridericianum⛩

😖😡😳 Gibt hier kein ⛩

Kleiner Scherz – das Gebäude mit den Säulen 🏛🏛

Ja, sehe ich, sehe ich. Komme rein.🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️

2. Stock 🔝

Sehe einen Panzer aus Schaumstoff🔫💣

Ist Erdgeschoss ⬇️

Weiß ich Mann, gehe die Treppen💡

2. Stock😴💤💤

Bleib locker bin gleich da 🔜

Wenn du um die Ecke kommt, siehst du schon den Schrott.⛓🔩🛒🔗

Wie jetzt, Schrott?⚰️

Es ist nicht alles Schrott, was aussieht wie Schrott.

Tag 21: »Während wir schliefen, stieg das Wasser und war überall«

Wie ist das, wenn die eigene Sprache ausstirbt? Nur noch ich diese Sprache spreche, mich keiner mehr versteht? Und keiner mehr noch lernen will, mich zu verstehen?

Ich lebe auf der indischen Insel Andamanen. Ich höre den Klang meiner Stimme. Spreche immer wieder. Liege hier mit meinen 85 Jahren. Und weiß: Jetzt sterbe ich. Und mit mir die Sprache. Sie verschwindet mit mir. Nach 65.000 Jahren ist meine Sprache nun verschwunden. 

Nein, ich nehme sie mit, ich bewahre unsere Sprache. Für alle Zeiten. In meinem Herzen. Ich atme noch einmal, dann gehen wir. Wir beide.

Es ist völlig dunkel im Raum, auf der Leinwand bewegt sich ein dünner Strich zum Klang dieser Stimme. Dann hört die Bewegung auf. Im Untertitel ist noch zu lesen: »Während wir schliefen, stieg das Wasser und war überall.«

Tag 20: »Hier möchte ich sitzen«

Wenn ich allein über die documenta gehe, sind meine Sinne extrem geschärft. Ich habe mir die Nordstadt ausgesucht, fahre mit dem Auto hin. Diese Annäherung gefällt mir überhaupt nicht. Die documenta braucht einen Fußmarsch!

Ich stehe vor der Pyramide und bin mehr von den Menschen drumrum inspiriert als von der Kunst. Was sie hier alles tun, vor sich hin tun, nicht in Kontakt untereinander sind. Was wäre, wenn alle miteinander sprechen. Muss ja nicht über die Pyramide sein.

Dann doch lieber in den Biergarten. Ich setze mich hin, mir gegenüber steht ein Stuhl ohne Sitz und Lehne. Sitzt natürlich keiner drauf. Ein Junge nähert sich, setzt sich hin. Er schaut mich nicht an, ist ganz vertieft in diesen aussergewöhnlichen Stuhl, ruft zu seiner Mutter:  »Hier möchte ich sitzen«

Tag 19: »Wo kann man sich abtrocknen?«

Ich sehe die Wellen nicht kommen. Sie kommen von beiden Seiten. Sie hauen mich fast um. Noch stehe ich. Um mich herum fallen immer mehr Menschen. Wo ist die Frau im gelben Pullover? Wo der junge Mann mit den Kopfhörern? Der Mann mit dem Buch? Ich sehe nichts mehr. Das Wasser ist überall an mir und in mir. Das Boot mir den Flüchtlingen wankt, die Wellen schlagen über uns zusammen.

Dann gehe ich raus, raus aus Boot, raus aus diesem Film. raus diesem Raum. Erleichtert frage ich: »Wo kann man sich abtrocknen?«

Tag 18: »Fünf Stunden stehen Sie jetzt hier und haben mit Kunst nichts zu tun«

Wenn die Kunst langweilig ist, interessieren sich die Besucher auf einmal für mich. Manche fragen mich nach den Werken, aber die meisten wollen etwas über mich wissen. Ob ich Kunststudentin bin zum Beispiel.

Also mal ehrlich: Um hier zu stehen, brauche ich doch keine Kunststudentin sein! Ist halt irgendein Ferienjob auf dieser Ausstellung, der tollen und berühmten documenta. Am liebsten würde ich Dokumenta schreiben. Weil es mir egal ist. Und ja klar, wir müssen fünf Stunden stehen. Und nein, wir dürfen uns nicht hinsetzen. Einmal hat mir ein Besucher sogar seinen documenta 14-Hocker angeboten. Das wäre es dann gewesen mit dem Job. Hat er aber nicht verstanden, so wie Nicht-verstehen hier ja auch die Regel ist.

Vor zwanzig Jahren, erzählt mir jemand, haben die Aufsichtsleute gestreikt, damit sie mehr Geld kriegen und sich hinsetzen können. Streik ist nicht mehr, alle stieren hier in die Luft. Weil Handys nicht erlaubt sind. Ich würde ja gerne sagen, das sind »Kolleg*innen«. Aber das einzig fortschrittliche ist hier das Gender-Sternchen. Jeder ist hier nach seiner Schicht sofort weg. Wollen wir nicht mal auf dem Friedrichsplatz grillen – so im Sinne von Wir-sind-da-und-wir-sind-viele? Fast besser als Streik.

Ist der Mann jetzt empört oder will er mich loben, als er beim Hinausgehen zu mir sagt: »Fünf Stunden stehen Sie jetzt hier und haben mit Kunst nichts zu tun.«

Tag 17: »Da oben kocht eine Knorr-Suppe«

Chorist wird man ja aus Überzeugung. Choristen sind die Menschen, die andere Menschen durch die documenta 14 begleiten. Wir machen zusammen mit den Besuchern einen Spaziergang über die Ausstellung. Wir im Chor sind 150 Menschen. Wir singen aber selten.

In unserer Ausbildung sollten wir nicht etwas lernen – sondern alles verlernen. Nicht sollten, wir mussten sogar. Und dann geht es auf einmal los und die Besucher stehen um dich rum. Da fand ich es schon gut, etwas gelernt zu haben.

Eben wurde ich gefragt, was die Besucher so sagen. Mir ist eine Gruppe von tschechischen Musikern eingefallen. Als sie sehen, wie am Zwehrenturm Rauch aufsteigt und ich ihnen vom Künstler Daniel Knorr erzähle, rufen sie: »Da oben kocht eine Knorr-Suppe.«

Tag 16: »Manchmal ist der Bildschirm auch ganz dunkel«

Ich bin gegen den Videobeweis. Im Fußball, meine ich. Auch wenn dann die Falschen gelbe oder rote Karten kriegen.

Hier bei der Kunst setzen wir voll auf Video. Wir haben alles im Blick. Tag und Nacht. Ich bin der Herrscher über die Bildschirme. Wenn ich entscheide, wird das vor Ort durch unsere Leute umgesetzt. Handgeschriebene Plakate erkennt unsere Software, jagt sie durch den Rechner ins Internet und sagt mir Sekunden später, ob die Aufschrift gefährlich werden könnte. Dann schicke ich die Sheriffs los. Oder eben nicht.

Wir haben auch eine Pickpocket-Erkennung mit Zeitlupenfunktion, die gleich ein Youtube-Lehrvideo dreht. Damit die Leute sich besser schützen. Wir vermessen auch Taschen am Eingang automatisch. Die Kontrolleure bekommen dann über Knöpfe im Ohr das Okay. Die Prominenten-Gesichtserkennung greift auf die internationale Datenbank zu, so haben wir Wolfgang Joop gleich am Anfang identifiziert und ein paar Interview-Bots erzeugt. Weil der Joop nicht reden kann und wir schon wissen, was er sagen sollte. Facebook-Posts haben wir dazu auch im Paket. Und Likes in Tausenderschritten, schön über den Tag verteilt.

Wir müssen am Parthenon auch noch digital nachhelfen, sonst wird es nicht fertig. Darf aber der Adam nicht wissen, er ist da ein bisschen empfindlich. Die Künstlerin mit der Sonnenbrille ist da echt lockerer. Wir haben mal als Test alle 50.000 Bücher mit ihrem Gesicht versehen, das fand sie spitze.

Aber das manipulieren wir nur in Ausnahmefällen. Fake-News sind eigentlich nicht unser Ding. Wir sind in Deutschland, wir zeigen nur das, was wirklich passiert. Wir manipulieren auch nicht die Schlangen vorm Fridericanum. Die sind echt, isch schwör dir. Auch die Besucherzahlen sind korrekt. Macht so ein Prokurist im documenta-Büro noch in Handarbeit. Wenn es eine Million sind, dann ist das auch so.

Ich muss leider Schluss machen. Die Terror-Spracherkennung schlägt Alarm, denn eine Frau vor der Torwache schaut gerade auf ihr Handy und sagt: »Manchmal ist der Bildschirm auch ganz dunkel.«

Tag 15: »Jetzt erwacht Kassel aus seinem Schlaf«

Meine Eltern sind verrückt auf ihre Heimat. Warum sie dann nach Australien ausgewandert sind? Ich habe keine Ahnung. Aber sie haben es gemacht, dann vor lauter Heimweh ihrem ersten Sohn einen speziellen Vornamen gegeben.

Leider bin ich dieser Sohn und muss, seit ich denken kann, Auskunft über eine Stadt geben, in der ich noch nie einen Fuß gesetzt habe. Bei uns sind Städtenamen als Vornamen nicht  untypisch, es wimmelt von Paris, Brooklyn, Neville, Venice, Memphis und Lyon. Nur wie ich heißt keiner. Meine Eltern haben schon einen ziemlichen Hau. Ja, nun, ich kenne auch eine Mona, die mir von ihrer Schwester Lisa erzählt. Von was sind die Eltern begeistert?

Vor drei Tagen erst haben wir dann einen Flug gebucht, um die Stadt zu besuchen, die mich schon ein Leben lang verfolgt. Einen Direktflug gab es nicht, einen Flugplatz gibt es schon. Ich wäre gerne mal da gelandet, wo mein Name groß dran steht. Wir kommen aber einem ICE-Bahnhof an und ich muss meinen Vornamen mit einem gewissen Wilhelm teilen. Schock!

Nun bin ich hier, lese meinen Namen an jeder Ecke, schreibe Postkarten. Wir finden ein schönes Café, eine Maid in Leder stelle ich mir als Bedienung vor. Ich muss schließlich schlafen, träume wild von Paris, Mona und Lisa, wache ich wieder auf, schaue in das Gesicht meiner Freundin. Sie hat lange darauf warten müssen, sie sagt zu mir mit einem Lächeln: »Jetzt erwacht Kassel aus seinem Schlaf.«

Tag 14: »Und wo ist jetzt mein Höschen?«

(Ein Paar schlendert die Mahler-Treppe nach unten. Im Hintergrund sieht man noch, wie ein älterer Herr mit einem Pappschild in der Hand von der Polizei abgeführt wird.)

»Ey, was hältst du davon, wenn wir mal im Dunklen verschwinden?«

»Im Dunklen? Ist doch heller Tag und so 40 Grad, würde ich mal sagen.«

(Der Mann deutet auf ein Schild, das einer Bogenschießscheibe ähnelt, nur ohne Ringe und mit dem vielsagenden Text ‚Westpavillon Orangerie‘. Im Hintergrund laufen zwei Schmuckverkäufer weg, die Polizisten mit dem Pappschild-Mann im Schlepptau hinter her.)

»Da drin ist es schön dunkel und gesungen wird auch.«

»Das will ich sehen, wenn du singst.«

»Ey, habe ich was von singen gesagt?«

»War ein Witz. Ich will ja da auch nicht singen.«

(Das Paar geht hinein, vorbei am Stuhl eines Eintrittskartenkontrolleurs, auf dem keiner sitzt.)

(flüsternd) »Da, ganz hinten.«

(Das Paar legt sich hinter die letzte Bank auf die Erde. Leider kann man dann nichts mehr sehen, es ist stockdunkel. Die Frau kichert, stöhnt ein bisschen, kichert wieder.)

(jetzt wieder in normaler Lautstärke) »Ey, Du bist viel zu laut. Lass uns lieber in den Park gehen.«

»Aber so gelacht haben wir lange nicht oder?«

»Ja, jetzt komm aber.«

»Und wo ist jetzt mein Höschen?«

Tag 13: »Booooooooonnnnnng«

Natürlich haben wir geprobt. Doch was ist eine Probe im Vergleich zu einer Aufführung? Die Halle war leer. Ich habe jeden Ton einzeln gehört.

Jetzt ist alles voll. Die Leute stehen direkt hinter mir, sitzen vor mir auf einem schrägen Podest. Warten auf den Anfang. Freunde kommen zu mir, sagen »Hallo Matze«, sprechen mit mir. Ich antworte mechanisch. Ich bin nicht da, ich bin im Stück. Jetzt schon.

Es fängt an. Es fängt einfach an, wie es anfangen muss. Musik fließt durch mich hindurch. Ich höre die Töne der Klavierseiten, die vom Saxofon. Ich höre meine eigenen Trommeltöne.

Wir sind auch auf dem Meer, lassen uns tragen vom Wasser. Das Salz in der Luft. Sind aufgeregt. Es passiert so viel gleichzeitig. Ich klettere auf das Flüchtlingsboot, das mitten in der Halle steht, ich habe den Klöppel in der Hand. Ich bin ganz ruhig.

Meine Hände sind schwer. Slow-Motion mit meinem Arm, der weit ausholt. Ich warte nur auf den Moment.

Und dann kommt die ganze Halle in Resonanz: »Booooooooonnnnnng«

Tag 12: »…«

Ich.
Schaue.
Dich.
An.
Und.
Sage.
Nichts.

Du bist da.

Und gehst vorbei.

Registrierst du mich?

Ja. Jetzt siehst du mich.

Du schaust mich an. Nur kurz. Dann schaust du weg.

Ich schaue dich weiter an.

Du schaust wieder zurück.

Ja, Du bist gemeint.

Ich schaue Dich an.

Ich durchdringe Dich mit meinem Blick.

Maria hat uns geraten, das zu tun.

Es fällt mir unendlich schwer. Doch ich tue es.

Dann bewege ich mich wieder.

Ein Stück.

Mit meinem Bein.

Ich strecke es.

Verharre in meiner Position.

Verharre weiter.

Verharre.

Weiter.

Du bist wieder da.

Weil: Du musst hier wieder vorbeikommen.

Es gibt keinen anderen Weg.

Ich.
Schaue.
Dich.
An.

Und sage: »…«

Tag 11: »Sei mal ein Teil des Kunstwerks«

(Kurz nach Mittag, die Temperaturanzeige an der Volksbank zeigt 35 Grad. Am Ticketcontainer im Hintergrund gibt es einen Tumult: Die Dauerkarten sind ausverkauft)

»Müssen wir noch da rein? So eine lange Schlange.«

»Ist doch das Hauptgebäude. Dauert bestimmt nicht lange.«

»Mir geht diese ganze Kunst langsam auf den Geist. Außerdem habe ich Durst.«

»Kunst macht durstig.«

»Und blöd, wenn ich dir so zuhöre.«

(In der Schlange geht es nicht voran. Am Eingang werden um Zentimeter gefeilscht: Darf die Tasche noch mit rein darf oder nicht? Wie am Flughafen versucht eine Frau, ihren Rucksack so zu falten, dass er noch in den Aufsteller passt, der die Maße für erlaubte Taschen vorgibt. Rucksäcke sind aber nicht erlaubt, grundsätzlich nicht)

»Hier drin soll es eine Klimaanlage geben.«

»Ja genau, kühl ist die Kunst besser zu ertragen. Was hast du überhaupt für ein Verständnis von zeitgenössischer Kunst?«

»Kenn ich schon von dir. Wenn du Hunger oder Durst hast, wird es grundsätzlich. Ich bin ganz locker, kühler Kopf gehört für mich zum Denken.«

(Die Verhandlungen am Eingang haben ihren Höhepunkt überschritten. Der Kontrolleur ist einfach wacher, sein Dienst hat gerade erst begonnen. Es ruckt in der Schlange, die Diskutantin wird abgewiesen und trottet zum Garderoben-Container. Dort ist eine Schlange. Diese Geschichte erzählen wir später)

»Fühl‘ doch mal, statt zu denken.«

»Dann wird es mir zu heiß.«

»Ist doch ein gutes Zeichen, wenn es dir mal heiß wird. Dann verlierst du die Kontrolle und es geht was bei dir.«

»Ist nicht so meins.«

(Das Paar ist am Eingang angekommen. Die Eintrittskarten werden gescannt, der Kontrolleur wünscht tatsächlich »viel Spaß«, sie sind drin)

»Ist überhaupt nicht kühl.«

»Aber immerhin bunt.«

(Einige Menschen haben ihre Schuhe an den Rand einer Projektion gestellt und legen sich direkt auf die Erde ins Licht. Sie werden von sehr bunten Mustern beschienen. Sie haben irgendwie Spaß).

»Das ist jetzt wirklich mal geil.«

»Willste nicht mitmachen?«

»Och nö, ich bleib‘ lieber hier am Rand.«

»Ich muss da jetzt rein.«

(Die Frau stellt sich mitten in die Projektion, macht wilde Verrenkungen, geht in eine Art Tanz über, steht wieder still, tanzt wieder, sinkt auf den Boden und ruft laut zu ihrem Mann)

»Sei mal ein Teil des Kunstwerks.«

 

(Danke an Tina für Zitat und Foto)

 

Tag 10: »Häufiges Zweifeln und Misstrauen kann zur Sucht werden«

Ich habe mich versteckt in einem Apartment, das zur Ausstellung gehört. Versteckt auf dem Klo, wirklich simpel und trotzdem effektiv. Gestern Abend schloss sich die Tür und ich war allein. Mit diesen Bildern und mit diesen rosa Waschbecken, Badewannen und Kloschüsseln.

Die Bilder brauchen die Stille. Und meine Augen, die sie abtasten. Behutsam. Sie müssen sich erholen von den tausend Blicken des Tages. Ganz ruhig. Das Licht verschwindet, die Dunkelheit kommt, die Bilder sind weiter da. Ich rieche an den Leinwänden. Behutsam. Keine Angst. Ich bin ja da. Ich lege mich hin, schlafe bei diesen Leinwänden. Traum. Aufgewacht. Noch ein Traum.

Die Sonne geht auf und ich habe einen Blick auf den Parthenon, den sonst keiner hat. Lange steht ich hier, lasse das Aufwachen durch mich hindurchfließen. Wäre gern noch Teil meines Traums, da war alles so einfach. So wie Hier – und Jetzt.

Ich schaue in letztes Mal aus dem Fenster. Dann öffne ich die Tür zum Treppenhaus, verlasse das Apartment, gehe die Treppe hinunter. An der Wand hängt ein Zettel: »Häufiges Zweifeln und Misstrauen kann zur Sucht werden.«

Tag 9: »Dieser Bus? Steht bei uns im Depot«

Der Bus kommt, ich steige ein, setze mich ans Fenster. Irgendwas ist anders. Ich schaue aufs Wasser, das in der Scheibe fließt. Sind das diese neuen Busse mit lebendiger Werbung? Es fließt alles um mich herum. In 3-D, ich brauche dafür keine von diesen Brillen. Ich fühle mich – tatsächlich – wie auf einem Schiff. Der Seegang steigt, wir werden auf einer Welle mit nach oben genommen, verharren dort ichweissnichtwielange und es geht wieder abwärts.

Meine Mitfahrer sind ganz bleich und wollen an der nächsten Haltestelle raus. Die Anzeige springt auf HALT. Nach einer neuen Welle hält das Schiff brav und entlässt die Armen ans Ufer. Sie wanken davon. Ich bleibe noch ein bisschen.

Als ich am nächsten Tag wieder auf das Schiff will, ist es verschwunden. Ich frage den Fahrer und er antwortet: »Dieser Bus? Steht bei uns im Depot.«

Tag 8: »Eine Hungersnot fegte über das Land«

Ich flüstere dir zu. Ja, nur dir flüstere ich zu. Du hörst mich, ich weiß es. Du liegst dort, in deinem Bett und kannst nicht schlafen. Schaltest das Radio ein. Hörst nichts. Erst einmal. Du hast den richtigen Kanal eingestellt, FM 105,8. Die Stille ist erstaunlich. Der Sender sendet – Stille. Es ist so gut für dich, diese Stille zu hören. Ich gebe mir wirklich Mühe mit dieser Stille. Du ehrst diese Stille, indem du weiter eingeschaltet bleibst. Du horchst, was da kommt. Horchst in die Stille dieser Nacht. Fast schläfst du ein. Bist schon im Übergang zum Traum.

Nach einer Ewigkeit flüstere ich dir zu: »Eine Hungersnot fegte über das Land.«

Tag 7: »You are standing but you are not still«

Zuerst ist da nur eine Glasscheibe. An die wird eine zweite gelehnt. Jetzt stehen sie von allein. Eine dritte folgt auf der anderen Seite. Dann schließt sich um mich herum der Glaszaun mit der vierten Scheibe.

Ich bin drin und schaue nach draußen. Ich kann nicht mehr hinaus, ohne die Scheiben zu zerstören. Was will ich? Nicht mehr hier sein! Mein Platz ist definitiv nicht hier. Sucht euch jemand anderen. Denn ich werde mich befreien, wenn ihr mich nicht gehen lasst.

Es wird unerträglich in diesem Raum. Zuerst 10, 20, dann 30 und schließlich 40 Leute. Schließt die Türen, bitte schließt die Türen.

Jetzt sind die Türen zu. Ich spreche meinen Text. Und ich spreche ihn gut. Ich fühle ihn nicht. Das war auch nicht die Anweisung. Wenn ich die Worte fühle, werde ich verrückt.

Ich halte es nicht mehr aus, ich will durch die Scheiben brechen. Die Kunst sagt zu mir: »You are standing but you are not still«

Tag 6: »BEINGSAFEISSCARY«

Sicherheit ist wichtig in diesen Tagen. Steht ja auch auf meiner Jacke. Ich bin also die Sicherheit. Warum sollte das beängstigend sein? Ich schütze doch, wo ich kann. Ich habe mir das übersetzen lassen und ich verstehe es nicht. Ich verstehe es nicht und ich schütze es trotzdem. Ich brauche keinen Dank vom Künstler, ist mir eine Ehre. Der Schutz. Die Sicherheit.

Vor allem nachts bin ich hier. Es passiert: nichts. Die Schrift leuchtet mich an, unheimlich. Nur ich bin gemeint, keiner da sonst. Das finde ich jetzt schon beängstigend. Ist das die Bedeutung?

Ich schaue hoch am Fridericianum und lese es jeden Tag und jede Nacht: »Being safe is scary.«

Tag 5: »Why did you buy so much?«

Was für ein Licht. Ich schaue aus der Straßenbahn in dieses Licht und beschließe, wieder auszusteigen. Mich durch die Stadt zu bewegen in diesem Licht.

Die Tür zum Kino ist geöffnet, ich gehe hinein. Ich kann kaum etwas erkennen, so hell war es draußen. Ich bin allein im Kino. Der Film beginnt, es ist genauso hell wie bei uns, es ist 7.40 Uhr morgens. Es ist in China.

Dreck überall. Ich sehe im offenen Flur eines Wohnhauses. Ein Schuss fällt. Nein. Es ist ein Feuerwerk am helllichten Tag. Ein Mann geht vorbei, spuckt aus. Die Kamera schaut nach unten über die Brüstung und sieht Müllleute, die riesige Säcke verladen. Keiner der Menschen sagt etwas. Einer putzt sich die Zähne vor seiner Tür, spuckt auf den Boden aus. Eine Frau kämmt sich vor ihrer Tür. Ein Hund winselt und winselt. Menschen mit großen Thermoskannen gehen Treppen nach unten, nach oben. Ein Mann klopft, ruft einen Namen, niemand öffnet, er geht wieder. Wasser wird vor einer Tür ausgeschüttet. Nach 30 Minuten fällt der erste Satz.

Die Kamera schwenkt nach innen. Ein Raum voller Nähmaschinen. Niemand arbeitet. Die Menschen plaudern. In den großen Thermoskannen ist Wasser. Die Kamera schwenkt wieder hinaus. Ein Mann schmeißt Müll aus dem 2. Stock auf die Straße. Auf dem T-Shirt eines anderen Mannes steht MADNESS, er geht in die Nähmaschinen-Werkstatt, die Kamera schwenkt mit. Untertitel zeigen, wie die Menschen heißen, wie alt sie sind. Einer ist 40, wie ich.

Ich trete wieder auf die Straße. Nirgendwo liegt Müll. Ich bin so unglaublich froh, hier zu sein. Ich höre die Frau aus dem Film den ersten Satz sagen: »Why did you buy so much?«

Tag 4: »Wenn der Elefant kämpft – da müssen wir hin«

Ich trage eine Maske. Natürlich tue ich das. Denn ich bin ein CEO, ein Chief Executive Officer, ein Vorstandsvorsitzender einer immens wichtigen Firma. Hey, das erwarten Sie doch von mir, dass ich eine Maske trage. Oder, ach so, Sie dachten, ich bin wirklich so. Dann wäre ich wahrscheinlich schon tot. Denn niemand kann nur seine Maske sein.

Manchmal würde ich sofort auf solche E-Mails antworten: »Good day. I am sorry to disturb you but i have a great business proposal for you. My name is Haqqi Khamis, i am from Syria.« Und dann schreiben: »My name is Helmut und i will help you – in business and in life.« Einfach das schreiben und warten, was passiert. Aber ich schreibe nicht.

Gerne wäre ich in Indien auch von Gauri Gill gefragt worden, welche Maske ich tragen will. Als Selbstporträt. Für »Übungen in symbolischer Darstellung lebendiger Realität im wachen wie im Traumzustand«. Endlich gefragt werden. Mich in meinem Traum auch für einen Elefanten entscheiden. Dann aufwachen in der lebendigen Realität.

Als ich durch den Park laufe, werde ich an die Maske, an mich, erinnert, denn ich höre jemand sagen: »Wenn der Elefant kämpft – da müssen wir hin.«

Tag 3: »Emma komm‘, das ist doch einfach«

Ich weiß es noch genau. Ich war erst zwei Jahre alt und trotzdem kann ich mich erinnern. Ein strahlend schöner Sommertag. Die Sonne ist so warm. Wir sind am Rande einer Wiese. Ich sehe ein Klettergerüst. Schön aus Holz ist es. Herrlich ist das. Es riecht so schön. Ich renn drauf zu, will unbedingt hoch. Es klappt nicht. Das Holz ist ganz glatt. Ich versuche es wieder. Ich rutsche ab, ich falle. Ich schreie. Keiner da, der mich beruhigt. Ich beruhige mich. Schaue auf das Holz. Ich versuche es wieder. Und auf einmal bin ich oben drauf.

Meine Schwester sagt: »Emma komm‘, das ist doch einfach.«